Es wird Zeit, Gott

Evangelischer Rundfunkgottesdienst

St. Laurentiuskirche Halle/Saale

Es wird Zeit, Gott
Rundfunkgottesdienst aus der St. Laurentiuskirche Halle/Saale
15.12.2019 - 10:05
Über die Sendung

Advent. Das ist die Vorbereitungszeit darauf, dass Gott auf die Erde kommt. Aber kann man wissen, wie er kommt? Er kommt gewaltig, tönt es in den Adventsliedern. Er kommt zornig, so sagen es die Propheten. denn er ist ein gerechter Gott.

Die Laurentiusgemeinde setzt sich im Gottesdienst mit dieser sonst wenig beleuchteten Seite Gottes auseinander. Die einen sagen: "Es wird Zeit, Gott, komm und räum auf". Die anderen: "Ich fürchte mich vor deinem Zorn". "Im Advent sollen wir groß Reinemachen, so will es der Brauch," sagt Rundfunkbeauftragte Ulrike Greim. "Platz schaffen für den Höchsten, er will in unser Leben kommen. Kann sein, dass wir da kräftig anpacken müssen. Die Laurentiusgemeinde befragt sich sehr aufrichtig, was dazu nötig ist." Es predigen Superintendent Christof Enders und Pfarrerin Gundula Eichert. Unter der Leitung von Kantorin Uta Fröhlich singt der Chor der Gemeinde.

Die Laurentiuskirche stammt aus dem 12. Jahrhundert. 1984 wurde die Kirche durch einen Brand fast völlig zerstört und danach wieder neu aufgebaut. Das ist vor allem dem sehr großen Engagement der Gemeinde zu danken – z.B. jeden Samstag Arbeitseinsatz. Seit Oktober 1991 wird hier wieder Gottesdienst gefeiert. Von der alten Ausstattung konnte nur der Taufstein gerettet und wieder restauriert werden.

 

 

Gottesdienst nachhören

 

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen
 

Eichert:

Liebe Gemeinde,

Johannes spricht mir aus dem Herzen. „Die Axt ist den Bäumen an die Wurzel gelegt“, sagt er. Deftig. Gleich schlägt jemand zu. Wird auch Zeit! Ja, es wird Zeit!

Ich denke an den vergangenen Sommer. Wie sehr habe ich darunter gelitten, als es hier in Halle wochenlang nicht geregnet hat. Selbst die großen und stattlichen Bäume ließen ihre Zweige hängen. Erst im Frühjahr wird sich herausstellen, welche Bäume überhaupt überlebt haben.

Natürlich wusste Johannes vor 2000 Jahren nichts vom heutigen Klimawandel, aber auch er hat gelitten. „Otterngezücht“, nannte er seine Landsleute. „Wenn ihr weiter so lebt wie bisher, dann wird euch der Zorn Gottes treffen.“

Ich spüre hinter diesen Worten eine große Verzweiflung. Gebetsmühlenartig weist Johannes seine Zuhörer darauf hin, dass sie umkehren sollen: „Ihr müsst euer Leben ändern. So kann es nicht weitergehen.“ Aber nichts ändert sich. Alles bleibt beim Alten.

Das bringt Johannes dazu zu drohen: „Ihr werdet Gottes Zorn nicht entrinnen.“

Ich kann Johannes gut verstehen. Auch ich bin manchmal verzweifelt und wünsche mir, dass Gott mit der Faust auf den Tisch haut und erklärt:

„Es reicht. Ich schaue nicht länger zu, wie ihr die Erde zugrunde richtet. Die Zeichen sind klar und deutlich. Was braucht ihr denn noch, damit ihr endlich umkehrt und euer Leben ändert?“

Heiliger Zorn ist etwas Wunderbares!

Er ist wirklich so nötig.

 

Enders:

Ich verstehe Deine Wut. Johannes ist einfach nur noch genervt. Aber dann mit Zorn reagieren? Das bringt nichts. Druck und Angst sind als Motivationsgrund zwar kurzfritig erfolgreich, das lehrt jeder Blick in die Geschichte. Aber langfristig nicht produktiv. Viel produktiver ist eine innere Motivation für ein besseres Leben. Leben aus der Fülle. Als Christ glaube ich ja doch an etwas anderes. Schon zu Noahs Zeiten hat Gott ein Einsehen. Nach der Sintflut-Strafaktion spricht er: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen. Mit Strafe drohen hilft eben nicht. Auch nicht beim Klimawandel. Und es dämmert uns ja. Zwei Super-Sommer hintereinander und so langsam beschleicht uns das Gefühl: Hier stimmt was nicht. Muss ich immer gleich mit dem Weltuntergang um die Ecke kommen, und damit die Menschen alarmieren? Ist es nicht viel besser, ruhig zurückzuschauen, zu würdigen, was geworden ist und dann mit unaufgeregtem Schritt in die Zukunft zu gehen? Gottes „Ja“ zu uns motiviert mich mehr.

 

Eichert:

Kannst Du das wirklich – mit unaufgeregtem Schritt in die Zukunft gehen? Ich kenne viele Leute, die das nicht mehr können. Und ich kann es auch nicht.

Ich habe Angst, wie sich die Welt verändern wird. Vor allem, was das für meine Kinder bedeutet. Die heißen und trockenen Sommer der letzten beiden Jahre machen den Klimawandel spürbar. Doch eigentlich warnen uns Wissenschaftler schon seit mehr als 30 Jahren, dass wir wichtige Maßnahmen ergreifen müssen, um die Erderwärmung zu begrenzen. Deutlich konkreter, als es diese Woche beim Klimagipfel in Madrid beschlossen wurde.

Ich glaube, Gott hat uns die Erde, die Tiere und Pflanzen anvertraut, damit wir uns gut um sie kümmern, wie liebevolle Eltern. Denn Eltern sorgen ja auch dafür, dass ihre Kinder nicht leiden, sondern, dass sie sicher leben, wachsen und sich entfalten können.

Wut und Verzweiflung kommen dann auf, wenn berechtigte Warnungen in den Wind geschlagen werden. Deshalb wird auch Johannes so wütend. Es ist ja nicht das erste Mal, dass er seine Zuhörer zur Umkehr aufruft. Er predigt ihnen schon lange, dass sie sich ändern müssen. Er hofft inständig auf Veränderung.

Und er hat eine ganz klare Vorstellung, wie diese Veränderung aussehen kann. „Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer Speise hat, tue ebenso.“, sagt er.

Auch diese Vorschläge sind hochaktuell.

Jeder und jede kann und muss konkret etwas tun.

Sich zurücklehnen ist einfach keine Alternative mehr.

 

Enders:

Ich versuche nur, realistisch zu sein. Natürlich wäre das schön, wenn wir die Hälfte von unserm Wohlstand den Armen abgeben würden. Aber nüchtern gesehen ist es eben nicht allzu weit her mit völliger Umkehr und Buße. Um es mal ganz praktisch zu sagen: Es ist uns allen klar, dass der Flugverkehr schädlich für das Klima ist. Aber es ist eben auch sehr schön, mal Griechenland kennen zu lernen und oder mit einer Schulklasse aus Tel Aviv eine deutsch-israelische Schulpartnerschaft aufzubauen. Dem werden wir nicht mit gutgemeinten erzieherischen Maßnahmen entgegenwirken. Wir sind hin und her gerissen. Und genau hier erkenne ich die Klugheit des Glaubens. Der Glaube will diese Zerrissenheit nicht auflösen, sondern durchbuchstabieren. Durch Taufe und Buße bin ich zwar ein neuer Mensch im Glauben, aber gleichzeitig bin ich eben auch noch der Alte. Buße heißt für mich nicht, dass ich anschließend ein Engel bin. Leider! Paulus hat das auf den Punkt gebracht: Das Gute, dass ich will, tue ich nicht, aber das Böse, dass ich nicht will, das tue ich. Die gute Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes, das Evangelium, ist kein schnelles Allheilmittel. Sie hilft mir vor allem zu begreifen und anzunehmen, wie ich bin. Nämlich beides: gut und böse. Und das bleibe ich auch. Im Bezug auf das Klima bedeutet das: Weil ich weiß, dass ich ein schwacher Mensch bin, erlege ich mir Regeln auf, die mir helfen, schöpfungsgemäßer zu leben. Mir wäre zum Beispiel hilfreich, wenn ich meinen CO2-Ausstoß direkt kompensieren muss. D.h., wenn ich unbedingt ein größeres Auto fahren will, ist das okay. Ich muss halt nur entsprechend Kompensation zahlen.

Mein Glauben lebt aus der Gnade. Die motiviert mich. Die hält mir den Rücken frei, aktiv werden zu können. Darauf leben wir im Advent hin: Gott ist gnädig und kommt in unsere konkrete sehr bescheidene Welt.

 

Eichert:

Jesaja sagt: „Bereitet dem Herrn den Weg. Macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; was krumm ist, soll gerade und was uneben ist, soll ebener Weg werden.“ Es geht nicht um Kompensation, es geht um eine radikale Veränderung. Es geht um Umkehr im großen Stil.

Wenn ich mir bisher 60 Kleidungsstücke im Jahr gekauft habe – ja so viel kaufen wir Deutschen uns im Durchschnitt jedes Jahr – dann hilft es nicht, wenn ich mir ab jetzt nur noch 50 Kleidungsstücke kaufe. So wird der Berg nicht erniedrigt, sondern ist immer noch sehr hoch, zu hoch.

Und wenn ich bisher an sieben Tagen Fleisch gegessen habe, reicht es nicht, wenn ich jetzt einen Tag fleischlos lebe. So wird das krumme Verhalten nicht gerade.

Ja, es ist ein Anfang. Du hast Recht, immer mehr Menschen sind bereit, ihre Lebensweise in einigen Punkten zu ändern. Aber es ist nur ein Anfang.

„Bereitet dem Herrn den Weg.“ – Das braucht mehr Einsatz, mehr Veränderung, mehr

Engagement.

Du sagst: Der Mensch ist beides, gut und böse zugleich.

Der Mensch ist aber auch Ebenbild Gottes. Wir wissen eigentlich, wie Gott uns gemeint hat, wie ein menschenwürdiges und gottgefälliges Leben aussehen kann.

Viele Jugendliche sind uns heute in diesem Punkt ein Vorbild. Manche haben ihre Lebensgewohnheiten radikal umgestellt. Essen vegan, verzichten auf weite Urlaubsreisen, verschenken und tauschen ihre Sachen. Das beeindruckt mich sehr. Und sie denken dabei nicht nur an sich selbst, sie machen sich Gedanken um unsere ganze Welt, ja, wie wir alle mitnehmen können.

 

Enders:

Ich bin von Engagement der Jugendlichen absolut beeindruckt. Nur habe ich Bauchschmerzen dabei, ihnen die Rettung der Welt überzuhelfen. Das ist eine unfaire Überforderung. Johannes ruft: „bereitet dem Herrn den Weg“. Er sagt nicht, macht eine Prachtstraße und lauft selbst darauf. Sondern er sagt: „Seht! Da wird er kommen. Unser Retter.“ Das ist für mich der Kernsatz des evangelischen Glaubens. Wenn ich meine, ich könnte mein Leben selbst gerade rücken, bin ich schon abgebogen und laufe der altbekannten Werkgerechtigkeit hinterher. Mein krummes Leben wird niemals gerade. Auch nicht, wenn ich noch mehr Einsatz, noch mehr Veränderung, noch mehr Engagement zeige.

Hier kann uns Martin Luther noch mal den Blick schärfen. Wenn ich denke, mit 10 € eine Tonne C02 kompensieren zu können, ist das nicht viel mehr als der mittelalterliche Ablasshandel. Wenn ich aber meine Schuld vor Gott bringe, und er mich gnädig ansieht, dann bekomme ich auch die Kraft und die Nüchternheit, Verantwortung zu übernehmen. Für mein Leben, für mein Essen, für mein CO2, für meine Stadt, für meine Mitmenschen. Noch einmal: Dass Gott mich gütig ansieht, dass lässt mich wachsen, das motiviert mich. Angst täte das niemals.

 

Eichert:

Ich glaube, wenn wir aufeinander achten, sorgsam mit dem umgehen, was uns anvertraut ist, freundlich den Menschen an unserer Seite begegnen, dann kann viel gut werden.

Mit der Umwelt, aber auch in unserer Gesellschaft. Da ist Thema ja das gleiche. Nach dem Anschlag auf die Synagoge hier in Halle standen wir alle zusammen. Und das ist wichtig. Wir müssen uns zeigen. Sichtbar werden. Es braucht uns. In jedem Bereich des Lebens. Zurücklehnen ist keine Option.

 

Enders: Das waren wirklich bewegende Bilder. Ich wohne nicht in Halle und war auch nicht selbst dabei. Aber die Bilder waren genau die richtige Antwort auf diese schrecklichen Taten der Gewalt. Kein politisches Statement, keine noch so richtige theologische Erklärung konnte so kräftig und so voller Trost sein. Da bin ich Euch, den Hallenser Bürgerinnen und Bürgern unendlich dankbar. Es stimmt mich hoffnungsvoll. Im Fall einer Katastrophe wissen wir genau, was zu tun ist. Es ist alles da. Die Liebe, die Mitmenschlichkeit, das Wissen, was zu tun ist. Und das ist eine sehr gute Nachricht: Das Gute ist in uns angelegt. Wir müssen uns fragen, wie wir leben wollen.

Also im Bild des Predigtextes gesagt: Wenn der Herr kommen soll, wie muss dann unsere Wohnung aussehen, damit er sich halbwegs willkommen fühlt?!

 

Eichert:

Ja, das frage ich mich auch. Wie können wir uns darauf vorbereiten, dass Gott kommt?

Wir haben in unserer Gemeinde herumgefragt. Wie versteht ihr das?

Ines Zierz sagt: Wir schauen einfach auf Johannes den Täufer:

 

Zierz:

Ist das nicht Johannes, groß, streng, zornig,

der dem Herrn den Weg bereitet?

Wild, mit Bart vielleicht oder Zottelmähne, mit Fell und mit Ledergürtel und mit Heuschrecken zwischen den Zähnen.

Laute, tiefe Stimme, Rufer in der Wüste.

Aufschreckend, verstörend: „Kehrt um!“

 

Kehrt um – nicht mit den Füßen,

sondern: mit ganzem Herzen.

Kehr um: Dahin, wo Gott uns gemeint hat.

In die Verantwortung vor Gott.

In die Mitmenschlichkeit.

 

Bereitet dem Herrn den Weg –

auch heute.

Nicht so gewaltig wie Johannes,

nicht so laut,

nicht so ausschließlich.

Aber immer wieder:

Sich von Gott berühren lassen.

Den Weg suchen,

den Weg bereiten.

 

Eichert:

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne, in Christus, Jesus. Amen.

 

Es gilt das gesprochene Wort.