Willi Graf

Pfarrer Benedikt Welter

Der Gefängniswärter betrat die Zelle; öffnete das Zellenfenster und schloss es sogleich wieder. Das hatten er und der Gefangene als Zeichen vereinbart: Der Tag der Hinrichtung war gekommen. 12. Oktober 1943. Gestern vor 75 Jahren.

Der Gefangene stammte aus Saarbrücken; ein 25 jähriger Medizinstudent: Willi Graf. Hingerichtet wurde er, weil er dem Naziregime die Stirn geboten hatte – als Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“.

 

„Es muß doch etwas getan werden. Auch wenn es den Kopf kosten sollte“, hatte Willi Graf beim letzten Weihnachtfest seinem Vater gesagt.

 

Mich fasziniert dieser junge Mann! Bei uns in Saarbrücken denken wir 2018 besonders an ihn: er ist vor 100 Jahren geboren; vor 75 Jahren ermordet.

Mich fasziniert das: Willi Graf hat ein besonderes Urteilsvermögen entwickelt; damit konnte er früh erkennen, unter was für einem Regime er da lebte. Und je klarer sein Urteil wurde, umso einsamer war er auch: „Immer bin ich allein. Ganz allein“, schreibt er in sein Tagebuch. Da war er als Soldat in Russland.

 

Auch diese innere Einsamkeit fasziniert mich: Er wollte nicht einfach die Meinungen um sich herum übernehmen. Er konnte sich selbst darin aushalten, Ereignisse und Menschen anders wahrzunehmen. Anders als eine schweigende Mehrheit. Anders als die gegrölten Parolen. Und aus dieser Einsamkeit heraus erwächst eine Entschlossenheit, die ihn handeln lässt: Eben genau nach den Überzeugungen, die dem jungen Willi Graf – auch aus seinem Glauben heraus – zu dieser besonderen Urteilskraft verholfen haben. Er hat sich dann der „Weißen Rose“ angeschlossen – der Gruppe um Hans und Sophie Scholl. Dabei hat er genau gewusst: sein Leben ist damit in Gefahr.

 

Ich habe die Biographie gelesen, das Tagebuch und Briefe; dabei ist mir Willi Graf nahegekommen. Ein fremder junger Mann aus einer fremden Zeit bedeutet mir etwas:

vielleicht, weil ich selbst auch ein so klares Urteilsvermögen gewinnen möchte, um meine Zeit zu verstehen. Und um die Entscheidungen zu treffen, die heute notwendig sind.

Es ist ja kein mörderisches Regime, dem ich mich entgegenstellen muss. Es ist ein Klima mit Wort-Verdrehungen und Sprach-Verbrechen; die greifen vielfach das an, was mir heilig ist: die unbedingte Achtung vor jedem menschlichen Leben.

 

Manche nennen es auch ein „Regime der vergiftenden Meinungen“, dem ich heute zu widerstehen habe...

 

In Willi Graf ist mir ein Mensch nahegekommen. Der wollte kein Held sein, der hatte keine Sehnsucht nach einem Martyrium. Aber er war standhaft und treu. In den 250 Tagen im Gestapo-Gefängnis hat er niemanden verraten. Er hat die zu schützen versucht, die mit ihm daran geglaubt haben und glauben, dass ein anderes, ein freies Deutschland möglich ist, gemeinsam mit den Völkern von ganz Europa.

 

Willi Graf ist mir als ein gläubiger Mensch nahe gekommen; von ihm kann ich etwas mehr davon erfahren, was Gottvertrauen bedeutet. Am Todestag hat er dem Gefängnisgeistlichen einen Abschiedsbrief an seine jüngere Schwester Anneliese diktiert: „Gerade in der Zeit meiner Einsamkeit habe ich viel an Euch alle gedacht und für Euch gebetet, und ich glaube und hoffe, dass ihr alle Trost und Stärke in Gott und seinem unerforschlichen Willen findet. Du weißt, dass ich nicht leichtsinnig gehandelt habe. Und du mögest dafür sorgen, dass dieses Andenken in der Familie, den Verwandten und Freunden lebendig und bewusst bleibt.

Für uns ist der Tod nicht das Ende, sondern der Anfang wahren Lebens, und ich sterbe im Vertrauen auf Gottes Willen und Fürsorge.“

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