Für unsere Kinder

Pastorin Annette Behnken

Wort zum Sonntag

Samstag, 29.09.2018, 23:45 Uhr, Das Erste

Pastorin Annette Behnken, Loccum

 

„Für unsere Kinder“

 

Sexueller Missbrauch ist eine Gewalttat. Nichts anderes. Es ist Gewalt, die dem Opfer körperliches und seelisches Leid in einem unbeschreiblichen Ausmaß zufügt. Und es sind vor allem zwei Dinge, die sexualisierte Gewalt begünstigen. Ein starkes Machtgefälle und ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Sexualität. Das geht hervor aus der Studie, die die katholische Kirche in dieser Woche veröffenticht hat, um Missbrauch in ihrer Institution aufzuarbeiten.

In Deutschland werden Kinder und Jugendliche in Kirchen, Sportvereinen, Schulen und vor allem: in Familien sexuell missbraucht. Allein da: mindestens dreizehneinhalbtausend Mal pro Jahr. Eine nackte Zahl, die den Schmerz der Betroffenen nicht auszudrücken vermag. Aber jeder und jede einzelne Betroffene hat erlebt, dass eine Person des Vertrauens, Eltern, Lehrer, Priester, Pastoren oder Trainer ihnen körperlichen und seelischen Schmerz zugefügt haben, sie absoluter Ohnmacht ausgesetzt und totalen Vertrauensbruch begangen haben. Daran tragen die Betroffenen oft ein Leben lang. Und die Erfahrung von Ohnmacht geht nach der Tat oft weiter, wenn ihnen nicht geglaubt wird, sie nicht ernstgenommen werden, gut gemeinte aber banale Ratschläge erhalten oder sehen, dass nichts oder wenig passiert, das wirklich etwas ändert.

An der Seite der Opfer stehen. Das heist zuerst: Sie ansehen, ihnen zuhören. Wahrnehmen und wahrhaben, was ihnen geschehen ist. Den Raum geben, ungeschönt sagen zu können, was ihnen angetan wurde. Raum zur Klage und Anklage. Und uns von dem, was sie erzählen, erreichen und berühren lassen. Der Schmerz kann niemandem abgenommen werden. Aber wir können ihn ernstnehmen und mitaushalten. Ich glaube, das ist das erste und die Grundlage für alles Weitere.

Und dieses Weitere ist: Prävention. Also das zu ändern, was solche Übergriffe begünstigt. Und das heisst, wir müssen die Machtgefälle aufbrechen, die solchen Machtmissbrauch ermöglichen. Zwischen Amtsträgern und Untergebenen, Männern und Frauen, Erwachsenen und Kindern. Damit Begegnung auf Augenhöhe stattfinden kann, wo eine dem anderen in die Augen guckt und mitkriegt, was los ist. Wie provokant muss es gewesen sein, als Jesus auf die widersinnige Frage seiner Jünger, wer von ihnen denn der Größte im Himmelreich sein wird, ein Kind in die Mitte holt. Mit dem Verweis auf dieses Kind hat er jeglichem Machtmissbrauch eine entschiedene Absage erteilt. Also: Wir müssen unsere Kinder stärken, zu Mut und Mitgefühl befähigen. Dass sie nein sagen können. Ihren eigenen Wert und ihre Würde und den Wert und die Würde anderer fühlen können. Und ich bin mir sicher: wenn solche Kinder erwachsen werden, machen sie Machtspiele nicht mehr mit. Ich bin mir auch sicher: Das ist die beste Prävention gegen sexualisierte Gewalt: Mut und Empathie.

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