Wahrheit macht frei

Wort zum Tage
Wahrheit macht frei
13.03.2019 06:20
07.02.2019
Melitta Müller-Hansen
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Sie feiert ihren 80sten! Der erste Geburtstag, an dem ihr Mann nicht mehr dabei ist. Und wie schon beim 60. und 70sten hält ihr Bruder eine kleine feine Rede. Er erzählt wieder die dramatische Geschichte seiner eigenen Geburt, in der seine Schwester die Heldin seines Lebens wird. 5 Jahre alt ist sie, als die Geburt des Bruders sich ankündigt. Über Eberswalde fallen Bomben in dieser Nacht. Die Mutter liegt in den Wehen und sonst ist keiner da außer der kleinen 5jährigen. Sie muss die Hebamme holen. Und das tut sie. Läuft durch die nächtliche Feuerstadt. Kommt Stunden später aber noch rechtzeitig und mit der erwarteten Hilfe bei der Mutter an. Der Bruder kann kommen; und wird ihr ein Leben lang dankbar sein für diese mutige Tat. Immer wieder erzählt er ihre Geschichte. Doch diesmal bleibt er nicht dabei stehen. Wie viel Nähe hat das Leben sonst noch erlaubt? Was hat die Schwester vielleicht vermisst an brüderlicher Zuwendung? Als Zuhörerin erlebe ich hautnah, wie stark der Satz Jesu ist: „Die Wahrheit macht frei“. Hier spricht ein Mensch aus, was er versäumt hat und heute bedauert. Und es ist echt, es ist wohltuend. Keine dramatische Selbstanklage. Auch keine Selbstentschuldigung. Er wählt den weichen Ton der Reue. Und ich bin gerne Zeugin dieser Wahrheit, die da wohl zum ersten Mal ausgesprochen wird.

„Mal ehrlich!“ heißt die Fastenaktion der evangelischen Kirche in diesem Jahr, „Sieben Wochen ohne Lügen“. Seit Aschermittwoch geht es um Wahrheit – was sie eigentlich ist, wem ich sie zumute, wie ehrlich ich zu mir selbst bin, wie weh sie manchmal tut und wann man darüber auch streiten muss. Spannende Fragen zum Innehalten.

Mir gefällt, dass ein Psalm dem Ganzen voransteht, also ein Gebet, das jemand vor gut 2000 Jahren formuliert hat. Immer schon treibt die Wahrheit Menschen um. Und wer um sie bittet, zeigt damit: Ich habe sie nicht.

„Herr, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige! Leite mich in der Wahrheit und lehre mich! Denn du bist ein Gott, der mir hilft.“

Und nun gibt es eine schöne Wendung in diesem Gebet:

Gedenke, Ewiger, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind. Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen.“ (Psalm 25,4-7)

Nach diesem Psalm ist Wahrheit Gottes Geschenk an mein Gewissen. Auch wenn sie mal schmerzhaft ist. Und – sie kann ans Licht kommen, wenn mich niemand verurteilt. Der warme Ton der Reue hat eine Chance, weil Güte und Barmherzigkeit mich umgeben wie ein Mantel, in den ich hineinschlüpfen kann.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

07.02.2019
Melitta Müller-Hansen