Süßes für die Welt

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Als Kind habe ich mal Geld gestohlen. Mit neun Jahren. Nach einer Andacht im Advent war das. Ich war Küster, Kirchendiener. In Vertretung. Im Körbchen mit Opfergeld lagen Tüten für „Brot für die Welt“. Da war Geld drin, wusste ich, meistens Scheine. Als keiner mehr im Raum war, ließ ich eine der Tüten in meiner Tasche verschwinden. Schlimm; schön nur für mich. Auf dem Heimweg sah ich, dass in der Tüte fünf Mark waren. Richtig viel Geld für mich. Und richtig viel Reue. Ich habe das Geld ausgegeben. Zügig, aber freudlos. Immer dieses schlechte Gewissen. Du hast anderen Geld weggenommen. Was heißt „anderen“ – Armen, hungernden Kindern. Ich wusste, was „Brot für die Welt“ ist. Das kam jedes Jahr wieder. Hungernde in Afrika sah man auf Plakaten und Bildern. Helft uns, riefen sie. Und Brot für die Welt hilft. Jedes Jahr wieder. Bis heute. Mit Millionen. Die Welt braucht Menschen, die in die eigene Tasche greifen. Nicht zum Festhalten, sondern zum Geben. Fröhliche Geber hat Gott lieb. Mich also nicht. Ich habe nicht gegeben, sondern genommen. Und ausgegeben. Für Süßigkeiten. Als Kind muss es Süßes sein. Und Lakritz. So schwarz wie mein Gewissen.

 

Ja, mein Gewissen. Damals merkte ich, was das ist. Es zwickt. Dauernd meldet es sich. Als sehe einen der liebe Gott jetzt nicht mehr, schaue woanders hin vor Gram. Aber so ist das nicht. Der liebe Gott schaut jetzt gerade hin, direkt auf mich. Dauernd sieht er einen und fragt: Warum hast du das gemacht? So kam es mir vor. Warum bestiehlst du die, die es nötig haben? Ich hatte keine Antwort. Außer: es kümmert doch niemanden. Es hat doch geklappt. Hat es nicht. Seit der Tüte in meiner Tasche mit Geld für „Brot für die Welt“ klopfte das Herz immer mehr. Und mein Gewissen fragte mich: Warum denn?

 

Ich habe das Geld bald zurückgezahlt. Da war mir wohler. Meinem Gewissen auch. Ich fand, dass Gott dann freundlicher auf mich geschaut hat. Und mein Gewissen heller wurde. Immer wieder im Advent gab ich dann Geld an Brot für die Welt. Meinem Gewissen hilft das. Niemand soll hungern in der Welt, hoffe ich. Und, vielleicht, kriegen ein paar Kinder auf der Welt auch mal etwas Süßes davon.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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