Himmel

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Neulich nachts hat Heidi geträumt, sie geht mit ihrem Mann Dieter durch ein traumhaft schönes Dorf, die Häuser sind terracottafarben, es ist warm, überall blüht es, die Leute sind entspannt. Entlang der Straße steht der Oleander in kräftigem Rosa, dazwischen Zitrusbäume. Alles duftet. Es war so wunderschön, sagt Heidi, ich dachte, ich bin im Himmel.

Für Heidi ist der Himmel terracottafarben.

 

Angela hört. Für sie ist es der Traum, dass dermaleinst alles in Klang badet. Dass jede feinste Nuance gut zu hören ist. Zimbelglöckchen und Posaunen, Zither, Maultrommel, ein Vibraphon und großes Schlagwerk. Alles klingt zusammen. Nichts übertönt sich, eins befeuert das andere, selbst die Stille klingt in großen Schwüngen. Perfekte Harmonie. Da fließt alles organisch ineinander. Jedes ist richtig, stimmig. Der Himmel ist Klang.

 

Für Siggi ist der Himmel wie ein Garten, in dem er endlich Ruhe findet. In dem alles gemacht ist. Alle Arbeit erledigt. Wo er mit seiner Familie und seinen Freunden und den Nachbarn eine gute Zeit haben kann. Wo endlich alles geklärt ist, nichts mehr offen bleibt, wo alle unbeschwert sind und feiern.

 

Für Rebekka ist der Himmel wie die Kantine hinter dem Gerichtssaal. Alles, ja wirklich alles wird im Gericht auf den Tisch gepackt. Jede kleinste Ungerechtigkeit wird erbarmungslos ins Licht gehalten. Jeder Täter ausgeleuchtet. Jedes Opfer darf seine Geschichte bis zu Ende erzählen. Und wird gehört. Und es wird gerecht geurteilt. Nichts bleibt vertuscht. Auch die Vertuschung wird geahndet, wird verurteilt und jede unterlassene Hilfeleistung. Jedes Kartell ausgehoben. Und anschließend in der Kantine, wo sich die Frauen noch verschämt die letzten Tränen aus den Augen trocknen, riecht es schon köstlich. Es gibt nichts Aufwendiges. Eher etwas Einfaches, Warmes. Aber da es nun überstanden ist, schmeckt es köstlicher, als in jedem Sternerestaurant.

 

Johannes stellt sich den Himmel vor als Stadt aus Edelsteinen. Wo Gott wohnt. Direkt. Unmittelbar. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. Denn das, was vorher war, wird vergangen sein. Alles wird neu sein und unvorstellbar schön.

 

Matthis, der sein Leben lang gehört hat, dass aus ihm nie ein richtiger Mann wird, weiß, dass er dermaleinst feiern wird bis zum Abwinken und tanzen. Und anschließend rauschenden Sex haben wird. Endlich. Und dass alle Knoten gelöst sind und alle Lust, alle Liebe fließen darf in Strömen.

Klar darf man vom Himmel träumen – an einem Freitagmorgen im Oktober. Ach was: Man darf nicht nur. Man muss!

Es gilt das gesprochene Wort.

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