Richter

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In der Sakristei habe ich mit Uli die Berufskleidung getauscht. Uli hat sich meinen Talar übergestreift und ich zog seine Robe an.

Uli ist Richter, ich bin Pfarrer. Beide hatten wir ein komisches Gefühl. Ist es nicht eine Anmaßung, über jemanden Recht zu sprechen, so fand ich. Wer bin ich, dass ich über meinen Nächsten urteile. Ist es nicht Gott vorbehalten, über uns Gericht zu halten?

Auch Uli fühlte sich nicht besonders wohl in diesem ungewohnten Outfit. Ist das nicht fragwürdig, wenn sich Menschen anmaßen, Gottes Wort zu verkündigen? Und nun steht er selbst vor der Gemeinde und sein Talar weckt Erwartungen, die er doch gar nicht erfüllen kann, auch gar nicht erfüllen will.

 

Dieses gegenseitige Befremden hatten wir schon einmal erlebt. Kennengelernt hatten wir uns beim Masterstudiengang Mediation an der Europauniversität Viadrina in Frankfurt an der Oder.

Menschen aus ganz verschiedenen Berufsfeldern hatten sich für diesen Studiengang eingeschrieben, um gangbare Wege der Konfliktbearbeitung kennenzulernen.

 

In einer Übung wurden wir nach unseren Herkunftsberufen getrennt und sollten den Handtaschenraub eines jungen Drogensüchtigen an einer alten Frau analysieren.

So sammelten sich Richter, Rechtsanwälte, Polizeibeamte, Sachverständige, Steuerberater in der einen Gruppe. Ich als Pfarrer kam mit Psychologen, Sozialpädagogen, Ethnologen, Künstlern in die andere Gruppe.

Als wir unsere Sicht der Dinge vortrugen, gab es deutliche Unterschiede. In meiner Runde hatten wir uns mit Hintergründen und Zusammenhängen der Tat beschäftigt. Wie kam es dazu, was ist die Vorgeschichte, wie kann eine solche Tat in Zukunft verhindert werden, das waren unsere Fragen.

Das Vorgehen unserer Kollegen war anders. Sie fragten zunächst nach den genauen Umständen der Tat. Welches war die genaue Tatzeit, war der Jugendliche bewaffnet, welche körperlichen und welche seelischen Schäden konnten bei dem Opfer festgestellt werden.

Ich war zunächst ein wenig beschämt. Durch die Formulierung der Arbeitsaufgabe hatten wir uns zu sehr auf den Täter konzentriert und das Opfer gar nicht in den Blick genommen.

Doch dann tat es uns gut, von den anderen zu hören, dass sie auch unsere Fragen hilfreich und wichtig fanden, um die Tat richtig einordnen und werten zu können. Vor allem, dass wir so konsequent auf eine gute Zukunft hin orientiert waren, haben sie uns positiv angerechnet.

Am Ende fanden wir alle, dass es beider Sichtweisen bedarf. Kriminelle Taten müssen geahndet werden: konsequent und sachbezogen. Dann aber muss sich der Blick weiten auf den Hintergrund der Tat und darauf, dass der Täter aus der Spirale des Unrechts herausfindet und nicht darin gefangen bleibt.

 

Ein Satz der Bibel hat mich immer sehr bewegt: Jesus sagt da, was siehst du den Splitter im Auge deines Nächsten und siehst den Balken im eigenen Auge nicht?

Das kann einen zum Verstummen bringen. Wie kann ich über andere Menschen urteilen, wo ich doch nur zu gut um meine eigenen Schwächen weiß? So denkt der Theologe.

Im Zusammenspiel mit Uli, dem Richter, habe ich gelernt, dass es gut und wichtig ist um die eigene Fehlbarkeit zu wissen, wenn man über andere urteilt. Dann aber muss man auch den Mut haben laut und deutlich zu sagen, was falsch ist und verdient, abgeurteilt zu werden. Und das gilt dann ja nicht nur für den Taschendieb auf der Straße, das gilt auch für den Richter und den Pfarrer in gleicher Weise.

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