Nicht müde werden

Morgenandacht
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„In einer Stadt gab es einen Richter, der Gott nicht fürchtete und sich um Menschen nicht scherte.“ So beginnt eine Gleichniserzählung der Bibel. (Lk 18, 1-8) Ein Richter, der Gott nicht fürchtet und sich um Menschen nicht schert. Ihm tritt eine Witwe gegenüber, die fordert, der Richter solle ihr Recht verschaffen. Was genau passiert ist, welches Unrecht der Frau geschehen ist, lässt die Geschichte offen. Und bleibt damit offen für viele, die ungerecht behandelt werden. Die Frau kommt immer wieder, lässt nicht locker. Sie bittet und bettelt, sie fordert ihr Recht. Und der Richter? „Er aber wollte lange Zeit nicht. Danach jedoch sagte er sich: Wenn ich auch Gott nicht fürchte und mich um Menschen nicht schere, – diese Witwe aber wird mir andauernd lästig, – Ich werde ihr also Recht verschaffen. Sonst kommt sie am Ende und schlägt mir ins Gesicht!“

 

Eine schöne Geschichte. Da knickt einer ein. Zwar nicht aus Einsicht, nicht um dem Schwächeren zum Recht zu verhelfen. Allein aus Sorge um sich selbst. Doch darauf pfeift der Geschichtenerzähler Jesus. Am Ende setzt sich das Recht durch. Gesiegt hat die Hartnäckigkeit, die Beharrlichkeit. Das Warten können, Dranbleiben-können einer Frau.

 

Ich denke an Nadia Murad, die vor ein paar Wochen mit dem Friedensnobelpreis 2018 ausgezeichnet wurde. Für ihren Mut, das unsägliche Elend der jesidischen Frauen im Irak an die Öffentlichkeit zu bringen und wieder und wieder davon zu erzählen. Nadia Murad ist 2014 wie tausende andere vom IS entführt und als Sex-Sklavin gehalten worden, bis ihr die Flucht gelang. Sie hat den Friedensnobelpreis zusammen bekommen mit dem kongolesischen Arzt Denis Mukwege, der die Frauen in seinem Land operiert, die auch zu Tausenden dasselbe Schicksal erlitten haben, wie die Jesidinnen. Eine Hoffnung, ein Aufatmen. Ein göttlicher Moment. Unrecht kommt ans Licht.

 

Ungefähr zur gleichen Zeit, als Anfang Oktober das Friedensnobelpreiskomitee diese beiden Menschen als Preisträger ernennt, wird in den USA das höchste Richteramt im Staat vergeben. An einen Richter, den drei Frauen beschuldigt haben, sie während seiner High-School- und Studienzeit sexuell belästigt zu haben. Die Psychologieprofessorin Christine Blasey Ford macht es öffentlich, schildert im Detail, wie Brett Kavanaugh vor 36 Jahren während einer Party versucht hat, sie zu vergewaltigen. Wie sie Todesangst durchgestanden hat. Wie diese Erfahrung wie ein Schatten über ihrem Leben liegt. Dauerhaft. Aus Mangel an Beweisen, weil die Unschuldsvermutung gelte – so heißt es, ist es rechtens, dass dieser Mann als Richter ernannt werden kann.

 

Mir zeigt das, was für ein langer Weg es noch ist bis dahin, dass Frauen gehört werden. Dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt. Frauen tragen eine besondere Verwundbarkeit, sie haben sich die nicht ausgesucht. Sie brauchen Respekt. Und nicht nur radikale Terrorgruppen wie der IS bleiben diesen Respekt schuldig.

 

„Jesus erzählte ihnen ein Gleichnis über die Notwendigkeit, dass sie allzeit beten und darin nicht ermüden“. So wird die Geschichte in der Bibel eingeleitet. Nicht müde werden, nicht resignieren. Wach bleiben. Mutig eintreten für das Leben, für Gerechtigkeit. Das heißt hier beten. Und das heißt, sich mit der göttlichen Kraft verbinden, die Leben schafft und Leben schützt. Denn das Gleichnis vom gottlosen Richter und der widerständigen Witwe ist für Jesus ein Anfang, er sagt: „Gott aber, sollte er das Recht seiner Erwählten nicht wiederherstellen? Da sie doch zu ihm schreien bei Tag und Nacht…? Ich sage euch: Er wird ihr Recht wiederherstellen – und zwar unverzüglich!“

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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