Müh und Arbeit ist das Leben

Morgenandacht
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Der Postbote fährt im gelben Auto vor und bringt die Zeitung. Das ist der Moment, in dem meine Oma ihre Hausarbeit unterbricht, sich den Kittel glattstreicht, die graue Haarsträhne zurück in den Dutt bugsiert und sich an den Tisch setzt: Ersmoal keiken, wiär daod is! Mit diesem Ausruf schlägt sie bestimmt und zielsicher die Zeitung auf. Da wo die Anzeigen mit den schwarzen Kreuzen stehen. Als Kind hatte ich deshalb die Vorstellung, dass man die Zeitung, anders als Bücher, von hinten nach vorn liest. Das Studium der Todesanzeigen war begleitet von gemurmelten Kommentaren, die in etwa so gingen: Keik, de Fritz Müller! Dä is aok niät aold woarn!

Bei aller gelegentlichen ernsten Betroffenheit über den Tod von Menschen, die man gut kannte, hat das Ritual auch einen kleinen täglichen Triumph gewährt, die Vergewisserung: Sieh da, wir leben noch! Dieses morgendliche großmütterliche Memento Mori hat jeden Tag mit ein paar Gedanken an die Endlichkeit beginnen lassen. Und mit einer Portion Lebensweisheit in Form von Sinnsprüchen, an vorderster Stelle dieser:

 

Müh’ und Arbeit war dein Leben,

nie dachtest du an dich.

Nur für die Deinen streben,

war dir die höchste Pflicht.

 

Dieser Reim aufs Leben und Sterben ist ungefähr mit Beginn des neuen Millenniums ausgestorben in Traueranzeigen. Wahrscheinlich weil solche Leben ausgestorben sind: Leben, die ihre Erfüllung in Müh und Arbeit, in Selbstaufopferung und Pflicht sehen. Man hat heute eher das Gefühl, dass sowas ein verfehltes, zu kurz gekommenes Leben ist. Ausgetrieben ist die christliche Tugend, die forderte, möglichst viel zu rackern, nie an sich zu denken und nur für Andere zu streben.

 

Der Abschied von diesem Ideal ist etwas Gutes gewesen, vor allem für Frauen. Sie erlaubten sich, nicht mehr still nur für die Ihren zu streben. Sie akzeptierten die Mühe der Hausfrauenarbeit nicht mehr als ihre natürliche Pflicht. Sie legten die Hausfrauenkittel ab und Arztkittel, Blaumänner, Richterroben und Talare an, eroberten ihren Platz im Erwerbsleben. Was hätte aus meiner Oma werden können, wenn sie diese Freiheit gehabt hätte! Dass man nicht mehr an das Müh-und Arbeits-Ideal glaubt, ist eine wirkliche Befreiung. Einerseits. Aber: Leben, die vor allem in Arbeit bestehen, gibt es weiterhin. Denn – und jetzt kommt das Andererseits – im Fahrwasser der Freiheit sind andere Zwänge entstanden. Der Arbeitsdruck ist rasant verstärkt worden. Frauen sind nicht nur frei, sondern gezwungen arbeiten zu gehen, und zwar viele in Jobs, die nicht gerade der Entfaltung der Persönlichkeit dienen. Männer können sich derweil nicht leisten weniger zu arbeiten. Und in der Arbeitszeit steigt der Stress. Die Folge: Ein mühsam zu organisierender Alltag für Familien, kaum noch Freiheit, für die Seinen, für die Kinder, für die alten Eltern zu streben. Der Wunsch nach Befreiung ist ein fatales Bündnis eingegangen mit dem Zwang, das Leben immer mehr dem Job zu opfern.

 

Auch wenn es nicht mehr über ihren Todesanzeigen steht, gibt es zuhauf Menschen, die sich ihre Seele aus dem Leib schuften, und nicht wenige, die sich tot malochen. Aber man ist nicht mehr stolz auf die Mühe der Arbeit. Denn vor dieser Mühe gibt es wenig Respekt, sie hat eher den Geruch des Versagens. Das Ideal ist heute müheloser Erfolg. Der digitale Klick soll das ermöglichen. Funktioniert aber nicht wirklich. Und schon gar nicht für alle. Es ist heute nicht mehr unser Selbstbild, aber es ist die Realität: „Müh’ und Arbeit ist dein Leben... „

- nicht als höchste Pflicht, sondern in höchster Freiheit. Wollen wir das wirklich?

 

Heute ist Samstag, der jüdische Sabbat. Der biblische Ruhetag, der anhalten soll daran zu denken, dass keiner lebt, um zu arbeiten. Es wird Zeit sich wieder daran zu erinnern, dass nicht alle Lebenszeit Arbeitszeit sein darf, dass aber alle Arbeitszeit Lebenszeit sein muss. Vielleicht sollte man es mit meiner Oma halten und öfter die Zeitung hinten aufschlagen, um das nicht zu spät zu begreifen.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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