Gewaltlosigkeit

Morgenandacht

Gemeinfrei via pixabay.com (Saed)

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Heute ist der Internationale Tag der Gewaltlosigkeit. Heute nämlich ist der Geburtstag von Mahatma Gandhi, der sozusagen als der Heilige des Pazifismus und der Gewaltlosigkeit verehrt wird. 2007 machten die Vereinten Nationen den 2. Oktober zum weltweiten Gedenktag.

 

Ich finde: Lasst uns diesen Tag abschaffen! Er bringt nichts. Das hier sind die neusten Zahlen: 2017 wurden 1739 Milliarden Dollar für Rüstung ausgegeben. Um mir diese Zahl bildlich vorzustellen, stelle ich mir diese Summe als einen Stapel Dollarscheine vor: 1000 übereinander ergeben einen Zentimeter, eine Milliarde 10 Kilometer. Der weltweite Ausgabenturm für Bomben, Drohnen, Schnellfeuergewehre, Panzer usw. ist 17.390 Kilometer hoch. Jedes Jahr wird so ein Turm gebaut, am besten immer etwas höher. Die NATO leistet sich 9000 Kilometer: Wenn so ein Turm in Berlin umfallen würde, berührte seine Spitze Tokyo. Russlands Turm ist 2017 eher ein Türmchen. Das Land gab 20% weniger aus, nämlich 660 Kilometer, also die Strecke von Berlin nach Straßburg. (1) Unser deutscher Turm ist 440 Kilometer hoch, aber da werden bald ein paar Stockwerke draufgesetzt. Er wird auf 700 Kilometer erhöht. Versprochen ist versprochen. Weil wir, so heißt es, unsere Anstrengungen steigern müssen.

 

Im selben Jahr 2017 ging David Beasley, der Chef des Welternährungsprogramms, auf Betteltour, um 20 Millionen Menschen vorm akuten Verhungern zu retten. Er brauchte dafür 12 Kilometer Dollars, hatte aber im Juni trotz Bettelei bei den reichen Staaten erst dreieinhalb Kilometer zusammenbekommen. (2)

 

Ich weiß, diese Zahlen sind so furchtbar abgedroschen. Wenn ich mit diesen Zahlen komme und jetzt von Wahnsinn reden würde und von Verantwortungslosigkeit, wäre ich eine schlichte Moralistin, blind für die komplexen globalen Zusammenhänge. Typisch Pfarrerin eben. Immer mit der Bergpredigt in der Hand auf die Politik schauen. Selig sind die Sanftmütigen, selig die Barmherzigen, selig die Friedenstifter. Selig, die nach Gerechtigkeit hungern. Die Welt ist zu kompliziert für solche einfach gestrickten Wahrheiten, heißt es. Moral hilft da leider nicht weiter, heißt es. Da fang bitte erstmal im eigenen Schrebergarten damit an, heißt es.

 

Und eben darum sage ich heute: Lasst uns diesen Gedenktag abschaffen. Wenn man sich die Türme von Dollarscheinen anschaut, müsste die Abschaffung des internationalen Tags der Gewaltlosigkeit eine haushohe Mehrheit in der UNO bekommen. Zumindest die einflussreichsten Mitgliedsstaaten müssten doch sofort ihre Hände dafür heben, schon damit der Tag sie in Zukunft nicht mehr stört.

 

Aber das werden sie nicht! Sie werden die Abschaffung dieses Tages nicht unterstützen, dafür würde ich wetten. Weil er nämlich gar nicht stört. Im Gegenteil. So ein Tag ist willkommen. Man braucht ihn, um dem Frieden ein Loblied zu singen und die Gewalt zu ächten. Die Friedensreden und Gewaltverdammungen sind praktisch der Weihrauch für das anschließende Opfern. Kein Kriegstreiber würde sich je hinstellen und sagen, dass er zu Gewalt greift, weil er das will und gut und richtig findet. Jeder Waffenlobbyist betont, dass Waffen an der Schule der Gewaltprävention und dem friedlichen Schulalltag dienen. Zur Gewalt gehört immer das Bekunden, dass man sie eigentlich ganz schrecklich bedauert und überhaupt nicht will und auf jeden Fall dagegen ist. Man zitiert Jesus, Gandhi und Martin Luther King, um Anlauf zu nehmen den Pazifisten bei der nächsten Gelegenheit in den Hintern zu treten. Als welche, die so einen Tritt brauchen gelten sie vielen wieder. Pazifismus wird wieder gern mit dem Wort bequem versehen: bequemer Pazifismus oder Wohlfühlpazifismus.

 

Darum finde ich: Lasst uns diesen Gedenktag heute abschaffen. Lasst uns dafür einfach darüber nachdenken: 17.390 Kilometer für Tötungsmittel. Keine 12 Kilometer für Lebensmittel zur Rettung vorm Hungertod. Einfach nur einmal daran denken. Ganz kurz. Jeden Tag.

 

 

  1. https://www.sipri.org/media/press-release/2018/global-military-spending-remains-high-17-trillion
  2. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/leiter-des-world-food-programme-zu-trumps-plaenen-15089404.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

 

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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