Die Gerechten

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Arthur Schmidt, Gemüsehändler aus Worin, ein Dorf 60 km östlich von Berlin. Im Sommer 1943 fährt er mit seinem gasbetriebenen Ford V8 von Berlin nach Hause. Diesmal transportiert er keine Gemüse- und Obstkisten in seinem Wagen. Diesmal sind es die sieben Kinder der Familie Weber. Die Mutter ist bereits in einem Lager verschwunden, der Vater muss sich verstecken. Arthur Schmidt ist in Berlin ein Nachbar der Webers. Er hat im gleichen Mietshaus eine Wohnung angemietet als Zwischenlager für seine Kisten. Nun bringt er die 7 Kinder nach Worin, wo er mit seiner Frau Paula ein kleines Häuschen bewohnt, neben seiner Obst- und Gemüseplantage. Sie geben die Kinder als Ausgebombte aus Berlin aus, die Eltern seien dabei umgekommen. Und sie werden die Kinder bis Kriegsende nicht verstecken, fast zwei Jahre lang. Sie sind zwar meistens nicht da, die Kinder bleiben sich selbst überlassen, und doch ist das ihre Rettung. Sie überleben.

Eine Geschichte von bisher 616 aus Deutschland bekannten Rettungsgeschichten. Wie auch die von Elisabeth Goes, Pfarrfrau in Gerbersheim bei Stuttgart, die ein jüdisches Paar mit der gleichen Erklärung bei sich aufnimmt – Ausgebombte. Oder die unglaubliche und für die Wehrmacht einmalige Geschichte von Oberleutnant Alfred Battel, der am 26. Juli 1942 Maschinengewehre aufbauen lässt in der Nähe der polnischen Stadt Przemysl. Seine Soldaten sollen sie aber nicht auf die noch weit entfernt kämpfende Rote Armee richten. Sondern auf ein Kommando der SS, das angerückt ist, um die Juden der Stadt zu deportieren. Die SS rückt ab, 200 Menschen überleben.

 

Rettungsaktionen, Rettungswiderstand, wenn aus Recht und Gesetz Unrecht und Mord werden. In der Holocaust- Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem sind 26973 Geschichten aus ganz Europa gesammelt. Und die Menschen dahinter nennt man hier „Die Gerechten unter den Völkern“. Überzeugte Kommunisten, Offiziere der Wehrmacht, Pfarrfrauen, Gemüsehändler, Zirkusleute, Unternehmer. Was sie verbindet? Dass sie als Menschen gehandelt haben. Ohne Furcht vor den Fremden, den Ausgegrenzten, dem „Feind“, den Sündenböcken, zu denen die Nazi-Regierung Menschen schon früh abgestempelt hat. Sie haben auf die Stimme ihres Gewissens gehört. Sie wollten sich selbst im Spiegel als Mensch wiedererkennen können, oder, wie Miep Gies, die in Amsterdam Anne Frank und ihre Familie versteckt hatte, sagt: „Ich sah viele schlaflose Nächte und ein unglückliches Leben vor mir, falls ich mich geweigert hätte.“ (1)

 

Was ist gerecht? Was macht einen Gerechten aus? Den Mitmenschen sehen, nicht das Stereotyp, das Angst und Fremdenhass und Propaganda aus ihm machen. Dass das heute mit dem Schimpfwort „Gutmensch“ lächerlich gemacht wird, dass dieses Wort so verdreht werden kann, finde ich ungeheuerlich. Dass Menschen wie Claus Peter Reisch, Kapitän des Seenotretters „Lifeline“, wegen Formalia angeklagt werden, das Schiff sei nicht richtig zertifiziert. Dass sie so behindert werden, weiterhin schiffbrüchige Flüchtende zu retten – ungeheuerlich. Doch das sollte niemand beirren. Gerechtigkeit wird es nie wirklich geben, aber Gerechte wird es immer geben – die Gutmenschen, die Gerechten, so sagt es eine jüdische Legende. 36 Gerechte halten die Erde in ihrer Umlaufbahn. Ohne ihre selbstlosen Werke wäre sie längst zerstört.

 

In Yad Vashem pflanzt man für jeden dieser Gerechten einen Baum. Ich baue darauf, dass aus diesen Bäumen Wälder werden, überall auf der Welt. Und hoffe mit der Psalmbeterin:

 

„Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum; er wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon. Die gepflanzt sind in dem Hause des HERRN, werden in den Vorhöfen unsers Gottes grünen.…“ (Psalm 92, 12+13)

 

(1) SZ Nr 201, 1,/2, September, Artikel „Die Gerechten“ von Joachim Käppner.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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