Aufhören und Danken

Morgenandacht
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Was fällt schwerer, Anfangen oder Aufhören? Das ist eine gern gestellte Moderatorenfrage im Hörfunk, wenn Menschen über ihr Leben Auskunft geben sollen. Und tatsächlich, es charakterisiert einen Menschen sehr genau, ob er ein ängstlicher Beginner oder eher ein zögerlicher Beender ist.

Mir selbst kann ich die Frage rasch beantworten. Mir fällt Anfangen schwer. Besonders als Jugendliche in der ehemaligen DDR hatte ich oft peinigende Angst vor neuen Herausforderungen. An mir, so empfand ich es jedenfalls, klebte immer das Stigma einer Außenseiterin. Pfarrerskind! Die tickt rückwärts. Die ist nicht ganz von dieser Welt.

 

Mein Vater gab mir sicher genau aus diesem Grund den tröstlichen Konfirmationsspruch mit auf den Weg: „Siehe ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst.“ (1. Mose 28,15) Ein Volltreffer, dass er genau diesen Spruch aussuchte, der einst dem listigen Betrüger Jakob von der Himmelsleiter herab im Traum zugesprochen worden war.

 

Jakob war in ganz anderer Weise als ich mit einem Stigma versehen, eben dem des Betrügers. Aber dieses Stigma hat er nicht lebenslang über sich herrschen lassen. Er hat an sich gearbeitet, mit sich und Gott gekämpft. Und er ist frei geworden.

Wie oft habe ich meinen Konfirmationsspruch innerlich rezitiert, auf Schulversammlungen oder im Abitur. Später als junge Pfarrerin auf der Polizei, wenn ich zaghaft anfragte, ob ich nicht doch zu meinen Eltern in den westlichen Teil Deutschlands reisen dürfte. Und dann natürlich 1989, auf den friedlichen Demonstrationen für mehr Freiheit in Magdeburg, die mit zum Fall der Berliner Mauer führten. „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst.“ Worte können Startsignale werden. Sie können Mauern zum Einstürzen bringen.

Nur zwei Jahre nach der friedlichen Revolution wurde ich von meiner Kirche in Mitteldeutschland gebeten, als erste ostdeutsche Sprecherin das Wort zum Sonntag in der ARD zu sprechen. Ich hielt es für unmöglich, dass ich das jemals tun könnte. Vom Westfernsehen konnten wir vor der Wende nur im Privaten reden. Aber da war wieder diese hörbare Ermutigung: Trau dich …ich will dich behüten. Fang an.

Und so fuhr ich 1992 mit einem ersten Text nach GERA, in ein ehemaliges Gebäude der Staatssicherheit, was vom Mitteldeutschen Rundfunk als vorübergehendes Fernsehstudio genutzt wurde. Die Eingangspforte war eng. Aber ich kam durch. Niemand verlangte meinen Personalausweis. Ich würde frei über meine eigenen Grenzen sprechen können.

 

Mein erstes Wort zum Sonntag war kein Volltreffer. Aber es war für mich die Überwindung einer großen Angst. Und es war wie ein eingelöstes Versprechen von Gott: ich war und bin mit dir.

 

Seit dieser Zeit durfte ich bis heute – erst im Fernsehen und dann im Hörfunk über Gott und die Welt – laut nachdenken. Das ist ein Privileg, für die Kirche wie für mich selbst. Ich habe dabei vieles lernen können: ruhiger zu atmen, artikulierter zu sprechen, konkreter zu formulieren. Ich habe Zustimmung erhalten, wie auch berechtigte Kritik. Im Team der anderen Sprecherinnen und Sprecher erfuhr ich Solidarität, Nähe und Freundlichkeit. Manche von Ihnen sind mir Lehrerinnen und Lehrer geworden. Wir haben Glauben und Zweifel miteinander geteilt – auch mit Ihnen als Hörerinnen und Hörern. Und sind als Menschen aus den verschiedenen Teilen Deutschlands gut zusammengewachsen.

 

Das wollte ich ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, heute gern erzählen. Denn mit dieser Morgenandacht beende ich – fast ohne Trauer – eine wunderbare Zeit im Fernsehen und im Hörfunk. Ich danke Gott, der sein Versprechen, bei mir zu bleiben, hält. Und ich danke Ihnen für Ihr Zuhören, für Ihr Mitdenken und Nachdenken. Für Ihre Geschichten genauso wie für Ihre Kritik. Und manchmal auch für einen Frühlingszettel danach. Schalom. Friede sei mit ihnen von dem Gott, der Ihnen und mir gleichermaßen sagt: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst.“

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