Allmacht

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„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen...“ Nein, das tue ich nicht. Ich glaube nicht an einen allmächtigen Allesbestimmer. Ich glaube nicht, dass alles, was passiert, von einem supermächtigen Patriarchen verfügt wird. Sie ist mir widerlich, die Vorstellung, da wäre einer, der mal den Daumen hebt und mal den Daumen senkt, gerade so wie es ihm beliebt. Wenn so einer Gott wäre, dann würde ich ihm den Glauben aufkündigen. Dann soll er ohne mich alles so herrlich regieren. Jedenfalls würde ich ihm kein „Lobe den Herren“ singen. Von solchen Typen gibt es mehr als genug auf der Erde, da muss nicht noch zusätzlich einer im Himmel sitzen.

 

Allmacht – das klingt so gewaltig. Aber Allmacht ist in Wirklichkeit die kläglichste Form der Macht. Wie kläglich, das konnte man vor ein paar Monaten beobachten. Nach einem mutmaßlichen Giftgasangriff in Syrien hielt die Welt für einen Moment den Atem an. Da twitterte der amerikanische Präsident in der Gewissheit der mächtigste Mann der Welt zu sein: „Mach dich gefasst, Russland. Unsere Raketen werden kommen, schön, neu und smart!“ Angst kroch selbst in die sonoren Stimmen der Nachrichtensprecher. Die Experten raunten von der Gefahr eines Weltkriegs. Denn: Hinter so eine Drohung kann man nicht zurück. Warum denn bloß nicht? Weil dann der mächtigste Mann der Welt sein Gesicht verlieren würde. Darum nicht. Das nämlich ist die offene Flanke der Allmacht. Sie muss sich mit aller Macht durchsetzen. Allmacht ist niemals frei zu sagen: ich habe mich geirrt. Ich führe nicht aus, was ich angekündigt habe. Und so kam, was kommen musste: ein Raketenangriff. Wahrscheinlich zuvor abgesprochen und nicht besonders gewaltig. Lightversion also. Aber der Beweis ist erbracht. Der Löwe hat geknurrt, damit man ihn bloß nicht für ein Kätzchen hält. Und wenn es noch so durchsichtig irrsinnig ist: was sein muss, muss sein.

 

Vielleicht sollte man sich darum gar nicht so sehr vor der Macht der Allmächtigen an sich fürchten, sondern vor ihrer Angst, kleinmütig zu wirken. Der Allmächtige ist ein Getriebener. Es muss sich dauernd beweisen. Er kann nicht um Verzeihung bitten, er kann nicht bereuen, er kann nicht vom einmal eingeschlagenen Weg umkehren. Darum ist Allmacht eigentlich ein Widerspruch in sich selbst. Die Kehrseite der Allmacht ist die Ohnmacht, Schwäche zu zeigen.

Dabei sind doch oft die Schwächen die wahren Stärken. Von Mutter Teresa sagt man: Sie hatte eine Schwäche für die Armen. Von einem weichherzigen Vater sagt man: Er hat eine Schwäche für seine Kinder. Denn das genau ist ja das Wesen der Liebe: Sie macht sich schwach und klein, sie verzichtet darauf, selbst groß dazustehen. Liebe lässt dem anderen die Freiheit, manchmal sogar die Freiheit zur schlechteren Wahl. Aus Liebe eben.

 

Die Bibel spricht von Gottes Macht über alle Mächte, ich weiß. Aber damit meint sie nicht, dass Gott einer von der Sorte Trump, Putin oder Kim Jong-Un im Superformat ist. Das Markenzeichen des biblischen Gottes ist, dass er bereuen und umkehren kann, dass er von Zorn und Vernichtungsphantasien ablässt und sich von Argumenten seiner Gläubigen überzeugen lässt.

 

„Ich glaube an Gott, den Allmächtigen…“ Ich spreche dieses Glaubensbekenntnis mit. Ich spreche es mit, weil es denen die höchste Macht abspricht, die sich wie Götter aufführen. Allmacht des Gottes, der die Liebe ist, bedeutet seine Macht über die Macht. Es ist eine Macht, die frei ist von den Zwängen der Macht, eine Macht, die lieber das Gesicht verliert als sehenden Auges Verderben sät. Es ist die Macht, die ohnmächtig liebt, die gewaltlos der Gewalt entgegentritt, die keine Freude am Tod des Gegners hat und sich selbst hingibt. Dafür steht das Kreuz.

Darum: Ich glaube an Gott, den Allmächtigen, weil ich allen ungehorsam sein will, die sich so aufführen als wären sie allmächtige Götter. Sie sind es nicht.

Ich glaube an Gott, den Allmächtigen, weil ich dann nicht allmächtig sein muss. Ich bin es nicht. Und ich muss es auch nicht sein. Gott sei Dank!

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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