Alle Tage in einem Buch

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Ausführlicher Lebenslauf – handgeschrieben, das war die Bedingung. Wer das Stipendium haben wollte, musste den Lebenslauf schreiben. Nicht nur tabellarisch, geboren, Schule, Studium. Nein, ein Lebenslauf mit allem drum und dran, begründet, reflektiert, ausführlich. Eigentlich keine große Sache, so ein Leben bis zum 25. Lebensjahr auf ein paar Seiten aufzuschreiben. Aber wie mich und mein Leben darstellen? Wo sollte ich da anfangen? Was weglassen? Wie sollte ich schildern, dass ich Jahre studiert hatte, das heißt, hauptsächlich gelebt und gelesen, alles durcheinander und auf eigene Faust. Und machte es überhaupt Sinn, sich für ein Stipendium zu bewerben, wenn man in der Unterprima sitzengeblieben war? Würden die das nicht gleich in den Papierkorb stecken?

Eine ganze Woche habe ich damals gebraucht, um meinen Lebenslauf zu verfassen. Wie soll ich Brüche erklären? Darf man lügen? Aber was ist die Wahrheit? Hätte sich das Studienwerk nicht direkt an Gott wenden können, der, wie es in einem Psalm heißt, alle unsere Tage in einem Buch notiert?

 

„Herr, du erforschest mich und kennest mich“, heißt es in diesem Psalm (139). Und weiter: „Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne...Es ist kein Wort auf meiner Zunge, dass du, Herr, nicht schon wüsstest.... Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ Gott kennt die Menschen, heißt es da. Jeden einzelnen, ganz egal, ob Baby oder Senior, Single oder Ehemann, Kirchenmitglied oder nicht. Gott kennt mich – noch lange bevor ich mich selber kennen lerne.

 

Warum wird das eigentlich in der Bibel immer wieder hervorgehoben? Soll ich mir Gott als eine Instanz denken, die genau Bescheid weiß über meinen Standort, mein Alter, meine Hobbies, meine Karriere, mein Gewicht, Einkommen und meinen Beziehungsstatus? So ähnlich wie die Suchmaschine Google? Ist das nicht eine unangenehme, geradezu beängstigende Vorstellung? Oder kennt er mich so, wie ich mich selber kenne? Aber was hätte er mir dann voraus?

 

Von morgens bis abends, jahrein, jahraus habe ich mit mir selbst zu tun. Und wahrhaftig Gelegenheit genug, mich selbst kennen zu lernen, zu erfahren, wer ich bin. Wer sollte also besser wissen, was ich denke?

 

Aber genau das ist es. Gerade weil ich mir selbst so nahe bin, ist es so schwer, mich selbst kennen zu lernen, gerade weil ich keinen Abstand zu mir habe. „Die gewöhnlichste Lüge ist die, mit der man sich selbst belügt; das Belügen andrer ist relativ der Ausnahmefall“, meinte Friedrich Nietzsche. Denn: Es ist nicht immer angenehm, sich selber kennen zu lernen. An sich selbst Charakterzüge zu erfahren, die man an anderen unangenehm findet – das gehört ja auch dazu, wenn man sich selbst kennen lernt.

 

Selbsterkenntnis macht oft gar keinen Spaß. Man muss nicht gleich soweit gehen wie Franz Kafka, der meinte, er sei „nichts anderes … als ein Rattenloch elender Hintergedanken.“ Zu sehen, dass ich es mit der Wahrheit manchmal doch ein wenig großzügig nehme, ist vielleicht ein Anfang. Zu erkennen, wie feige ich bin, wo ich ohne große Not mutig hätte sein können.

 

Aber Gott muss ich das alles nicht erzählen, er weiß: Wir sind mit uns selbst nicht immer in der vornehmsten Gesellschaft. Nein – Gott muss ich nicht mit meiner Selbsterkenntnis kommen. Er weiß Bescheid, ihm kann ich nichts erzählen, ihm brauche ich nichts zu erzählen. Mein Leben mit seinen inneren Abgründen und elenden Hintergedanken liegt vor Gott wie ein aufgeschlagenes Buch. Aber er benutzt seine Kenntnis nicht für erpresserische Mails. Er legt mein Lebensbuch nicht angeekelt beiseite. Im Gegenteil. Die Worte dieses Psalms versichern mir: „Von allen Seiten umgibst du mich – auch von meinen dunkelsten – und hältst deine Hand über mir.“ Und damit schreibt sich auch mein Lebenslauf viel leichter.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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