Es ist noch Raum da!

Evangelisch-Reformierter Rundfunkgottesdienst aus der Garnisonkirche Oldenburg
Evangelischer Rundfunkgottesdienst am Pfingstsonntag, 20. Mai 2018 aus der Garnisonkirche Oldenburg live im Deutschlandfunk um 10.05 Uhr
Über die Sendung

Evangelischer Rundfunkgottesdienst am Pfingstsonntag, 20. Mai 2018 aus der Garnisonkirche Oldenburg live im Deutschlandfunk um 10.05 Uhr

 

Pfingstsonntag ist Frauensonntag – bundesweit wird er gefeiert von evangelischen Frauen. 2018 gibt es Grund zum Feiern – 100 Jahre Frauenwahlrecht, 100 Jahre Evangelische Frauenarbeit. Das Team der Frauenarbeit der evangelischen Kirchen in Oldenburg, Bremen, Hannover und der Ev.-reformierten Kirche feiert Gottesdienst im niedersächsischen Oldenburg. „Raum ist natürlich auch für Männer und Kinder, die mit uns zusammen feiern wollen“, erzählt Radiopastorin Christine Oberlin. Und dafür hat sich das Team einen stimmungsvollen Raum der Ökumene ausgesucht: die Garnisonkirche in der Oldenburger Innenstadt. Sie wird von mehreren Konfessionen gemeinsam genutzt. „Viel Raum zum Mitsingen gibt es natürlich auch für die Hörerinnen und Hörer“, so Christine Oberlin, zum Beispiel zur Eröffnung mit dem Pfingstlied: ‚O Komm du Geist der Wahrheit‘.

 

„Es ist noch Raum da“ - das Motto erzählt von einer biblischen Geschichte aus dem Lukasevangelium. Im Gleichnis vom großen Gastmahl geht es um die Frage: Wer lädt ein? Wer darf mitfeiern? Und was dürfen wir hoffen und träumen? Davon wird im Gottesdienst aus Oldenburg erzählt, gebetet und gesungen. Die Predigt hält Radiopastorin Christine Oberlin. Zu hören sind auch der Frauenchor und Stephania Lixfeld (Flöte) vom Oldenburgischen Staatstheater. Die Lesungen inszeniert die Schauspielerin und Pantomimin Brit Bartuschka.

 

Erbaut wurde die sandsteinfarbene Garnisonkirche von 1901 bis 1903 für Soldaten in Oldenburg. Heute dient sie als Kirche für die ganze Stadt. Seit 2014 ist sie auch Heimat der rund 4500 reformierten Gemeindemitglieder in Oldenburg und damit die zweite reformierte Predigtstätte neben der Kirchengemeinde in Accum. An jedem ersten Sonntag und allen hohen Feiertagen wird der Gottesdienst in reformierter Tradition gefeiert, an jedem zweiten als evangelische Messe mit den Michaelsbrüdern, an jedem dritten Sonntag als Taizé-Andacht. Aber auch für Taufen, Trauungen und besondere Veranstaltungen ist die Garnisonkirche gefragt, und ihre zentrale Lage zwischen Pferdemarkt und Fußgängerzone macht sie zu einem beliebten Treffpunkt in der Stadt.

 

 

Gottesdienst nachhören

 

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen
 

Liebe Gemeinde!

So richtig mit Herzklopfen und Honigkuchengesicht! So fühlt sich das an, wenn ich mich richtig freue! Kennen Sie das? Ich kann das kaum beschreiben, aber ich spüre es im Moment. Bald darf ich nämlich in unserer Gemeinde die erwachsene Dana mit ihrer kleinen Tochter Jonah taufen. Wir alle freuen uns auf das Fest. Wir feiern unter einer wunderschönen Kuppel aus lebendigen Zweigen. Der ganze Gottesdienst wird ein Fest- mit schöner Musik, Chor und fröhlichen Liedern. Und anschließend geht’s weiter mit einem Picknick im Park.

 

Zwei Wochen später wird der kleine Carl in der Kirche in Bützow getauft. Dazu spielt die Orgel, die 40 Jahre lang nicht spielbar war! Jetzt singt sie wieder ihr Lied, und anschließend geht’s in den Pfarrgarten- die Erdbeeren sind dann reif, im Garten zu sitzen ist eine Lust.

 

Ich sag’s mal so: Pfingsten ist für mich das Fest der Feierlaune! Es bringt auf den Punkt, was mich in vielen Festen unserer Kirche freut: Die ansteckende Festlaune, das Wiedersehen mit lieben Menschen, ein fröhlicher Gottesdienst- und ich gehe berührt nach Hause, und manchmal sogar: verändert.

 

Pfingsten ist auch das Fest der Überraschungen! Die Bibel erzählt: 50 Tage nach Ostern können sich die Jüngerinnen und Jünger für die Sache Jesu neu begeistern! Darum ist Pfingsten auch das Fest der Begeisterung! So würde ich es hier, in Oldenburg, dem Geburtsort Friedrich Herbarts, einer Stadt mit einer großen pädagogischen Tradition, erklären.

 

Aber! Die Kraft, um die es heute geht, die hat auch etwas Unerklärliches. Und gerade das macht sie für mich so wunderbar. Bleiben wir mal beim Thema „Feiern“. Wer kennt das nicht: Eine Einladung flattert ins Haus, ein geliebter Mensch will mit mir feiern, ich schaue in den Kalender und ahne sofort: „Oh je! Das schaff‘ ich nicht. Das wird zeitlich schwierig. Wie kann ich jetzt noch elegant absagen?“

 

Ich habe mal nachgeguckt, woher das Wort „feiern“ eigentlich kommt. Feiern kommt von lateinischen feriae- das heißt „freie Tage“. Ja- zum Feiern braucht man auch Zeit! Und die Ruhe, sich darauf einzulassen. Und ein Problem unserer Gesellschaft ist, das wir diese zeitlichen Räume oft nicht haben.

 

Laut Duden ist eine Feier ein festliches Ereignis, das durch ein freudiges Ereignis veranlasst wird. Freude? Unbedingt!

 

Aber manchmal stellt sie sich unverhofft ein. Ich kenne Zeiten, da habe ich Hochzeiten ehrlich gesagt aus Pflichtgefühl besucht. Und mir keine großen Hoffnungen gemacht, dass ich mich dabei wohl fühle. Und plötzlich hat die Feier Überraschungen parat! Nette Leute, die ich treffe. Und sie nehmen mich mit hinein in ein rauschendes Fest, wenn ich es denn zulasse.

In der biblischen Geschichte, die wir gerade gehört haben, ist Jesus selbst bei einem Fest zu Gast. Da finde ich spannend! Denn im Plaudern mit den anderen Gästen kommt irgendwie die Sprache auf Gott.

 

Jeder an diesem Tisch spürt es. Der sogenannte Subtext schwingt mit- es geht um das Reich Gottes. Wer hat freien Eintritt zu diesem wunderbaren Bereich, in dem Gottes Wille gilt und Wirkung hat? Dieser Raum, der für alle Zeit gilt, in dem Menschen sich für Nächstenliebe und Gerechtigkeit und Vergebung einsetzen. Das Glücksgefühl, auch in Trauer und Angst von Gott behütet zu sein. Dazu noch die wunderbare Erfahrung, mit anderen gemeinsam danach zu suchen.

Gilt das für jede und jeden?

Jesus erzählt mit dem Gleichnis, dass sie alle eingeladen sind! Regelrecht mit Namen ausgesucht und mit persönlicher Ansprache. Der Gastgeber hat viel Herzblut für die Einladung und die Vorbereitung des Festes aufgebracht. Will ich das wirklich verpassen?

Ja, so sind die Gleichnisse Jesu- ich merke ganz schnell, dass sie nicht nur schöne Geschichten aus einer anderen Zeit sind- auf einmal bin ich selber mittendrin. Und ich kann mich entscheiden!

 

Im Gleichnis Jesu nennen die Eingeladenen alle möglichen Gründe, warum sie nicht am Fest teilnehmen können oder wollen, heute ginge das per Whatsapp oder Email. Sind es Ausreden, sind es gewichtige Termine? Jede und jeder setzt andere Prioritäten, jeder steckt in anderen Sachzwängen oder Situationen.

Ich bewundere Leute, die immer genau und sofort wissen, was jetzt dran ist.

Der Gastgeber reagiert zornig über die Absagen- logisch. Doch das Fest findet trotzdem statt.

 

Er schickt seinen Sklaven noch einmal los – er soll alle einladen, die er findet – vor allem, die ihm Hilfebedürftig erscheinen – „kommt – es ist genug da!“

Ein drittes Mal geht er sogar noch los – denn immer noch ist Platz.

„Es ist noch Raum da“, heißt es in der Bibel – das klingt verheißungsvoll.

Nicht: „Das Boot ist voll“, oder „die Mittel sind erschöpft“.

Und dann kommen, die an den Wegen und Zäunen sind. Die ewig unterwegs und auf der Suche sind, die Grenzgänger und andersdenkenden, die Fremden und die Paradiesvögel – mit ihnen beginnt das Fest erst richtig.

 

Was für eine Einladung und was für ein Fest!

Jetzt ahne ich, welches Potential darin steckt, welche positive Veränderung für eine Gesellschaft möglich wird.

 

„Was feiert ihr da!“ So fragte neulich ein Artikel im Magazin Chrismon plus. „Ran an die Tische“ heißt das Motto. Man trifft sich zum Essen. Einfache Tische und Stühle zum Beispiel vor der Peterskirche in Leipzig, ungefähr so wie die Frauenmahle, von denen wir gerade gehört haben. „Wir reden darüber, was wir eigentlich für ein Land sein wollen“ wird eine Teilnehmerin zitiert. Das ist was anderes als ein fröhliches Nachbarschaftsfest.

 

Welche Träume haben wir für uns, für unsere Gesellschaft und für diese Welt? Das wird von einem bunten Mix der Gäste leidenschaftlich diskutiert. Und es ist auch ein Grund, warum es den heutigen Frauensonntag gibt. Und zu feiern gibt es auch 2018 eine Menge: 100 Jahre Frauenwahlrecht. 100 Jahre evangelische Frauenarbeit, die mir persönlich einfach Spaß macht!

 

Das Gleichnis vom großen Gastmahl ist kein spezifischer Frauentext. Auf den ersten Blick entpuppen sich alle handelnden Figuren als Männer. Aber im Lukas-Evangelium spielen Frauen eine prominente Rolle. Und wenn wir mal auf den Schluss der Geschichte schauen, wer anstelle der Eingeladenen kommt: Da erzählt Lukas von Armen, Blinden, körperlich Versehrten, wörtlich: Durchstochenen. Und immer so, dass man sich Frauen und Männer vorstellen kann.

 

Ich habe keinen Zweifel: Unter all den Ausgegrenzten, die am Ende diese große, bunte Tischgemeinschaft bilden, sitzen viele Frauen.

 

Nicht als diejenigen, die das alles vorbereitet haben. Sondern als die, die als erste mit erlöst werden. Frauen sind es, die als erste das Wunder der Auferstehung spüren, erzählt die Bibel. Und hier gehören sie zu denen, die zu dieser wunderbaren Einladung sofort ja sagen.

 

Das Gleichnis Jesu setzt Gedanken frei; es hilft, sich aus eingefahrenen Strukturen herauszuwagen. Und es beginnt mit einer phantastischen Einladung an alle.

Und wo stecke ich in dem Gleichnis? Wo stecken Sie? Ich merke, ich bin schon längst aus dem Gleichnis heraus – der Raum öffnet sich für neue Gedanken und Träume.

Was hoffe ich für mich, für diese Welt? Was gefällt mir an dem, was Jesus gesagt, getan hat? Wo kann ich mich mit anderen einsetzen für diesen Traum, der „Reich Gottes“ heißt?

 

Am Ende, so vertraue ich, bleibt die Tür doch noch für alle offen – schließlich ist ein Gleichnis ein Denkanstoß. Und wer wollte ernsthaft dieses Fest verpassen?

Dass wir wach und aufmerksam bleiben – dazu hilft uns Gottes Geist.

Dass wir neue Ideen finden und unsere Phantasie Flügel bekommt, schenkt uns Gottes Geistkraft.

 

Gut, dass wir heute Pfingsten feiern.

In der Bibel wird das erste Pfingsten geradezu als ein rauschendes Fest beschrieben. Und die Leute waren nicht einmal betrunken – aber trunken oder getränkt mit Begeisterung und Liebe und Hoffnung und Lebensmut. So ist das bis heute bei einem schönen Fest:

Ich tanke auch immer Kraft für den Alltag, für den Weg, der vor mir liegt.

 

Das haben die Jünger und andere getan – und sie haben den Auferstandenen Christus verkündigt in aller Welt. Sie haben begriffen: Das Reich Gottes ist kein leeres Wort oder eine Zeit irgendwann einmal, sondern hier und jetzt.

 

Da ist viel Raum – für Träume von einer besseren Welt, die wahr werden können. Für Frauen, Männer und Kinder, für dich und mich, und uns und alle.

Was für ein Fest!

Amen.

 

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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