Die Kluft zwischen Arm und Reich

Rundfunkgottesdienst aus der Alten Nikolaikirche in Frankfurt am Main
Evangelischer Rundfunkgottesdienst

Foto Alte Nikolaikirche © St. Paulsgemeinde/Uwe Bachmann

Über die Sendung

Die Alte Nikolaikirche steht im Herzen von Frankfurt am Main auf dem Römerberg (Foto). In Frankfurts Innenstadt leben Reich und Arm dicht nebeneinander, Angestellte aus dem Bankenviertel und Menschen, die auf der Parkbank übernachten. Im Gottesdienst geht es um die Kluft zwischen Arm und Reich und wie man sie überwinden kann. Pfarrer Martin Vorländer predigt über das Evangelium vom reichen Mann und dem armen Lazarus. Pfarrerin Andrea Braunberger-Myers leitet durch den Gottesdienst. Drei Menschen aus der Gemeinde erzählen, wie sie dem Thema Arm und Reich begegnen: Eine Frau, die selbst von Armut betroffen ist; ein Banker, der sich in der Kirchengemeinde engagiert, und eine Mitarbeiterin einer Straßen-Ambulanz, die ärztliche Versorgung ermöglicht für arme und obdachlose Mitbürger.

 

Das Vokalensemble AltNikolai singt unter der Leitung von Karin Baumann u.a. einen Choral aus Felix Mendelssohn-Bartholdys „Elias“. Lars Voorgang spielt die Orgel und musiziert am Cembalo zusammen mit Heike Reinking (Querflöte) und Christoph Möller (Cello) Werke von Johann Sebastian Bach.

 

Nach dem Gottesdienst können Hörerinnen und Hörer mit Pfarrer Martin Vorländer und Pfarrer Wolfgang Schinkel über ihre eigenen Erfahrungen sprechen. Sie sind von 11 bis 13 Uhr unter der Telefonnummer 069 / 28 42 35 erreichbar. Die Predigt zum Nachlesen und weitere Informationen im Internet unter www.rundfunk.evangelisch.de.

 

 

Gottesdienst nachhören

 

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen
 

Liebe Gemeinde,

liebe Hörerinnen und Hörer,

 

es ist eine Geschichte ohne Happy End. Jesus erzählt: Es war ein Mensch. Irgendein Mensch. Das könnte ich sein oder jemand, den ich kenne. Dieser Mensch war gut situiert. Er kleidet sich in Purpur. Das ist damals die Farbe für Könige. Ein teurer Stoff, den sich nicht jeder leisten konnte. Der Mann genießt seinen Wohlstand. Warum auch nicht? Er feiert gern.

 

Mehr erfahren wir nicht über ihn. Jesus sagt nicht, dass er auf krummen Wegen zu seinem Geld gekommen ist. Er scheint nicht fies oder geizig zu sein. Vielleicht etwas zu selbstbezogen und unachtsam. Denn er bekommt nicht mit, dass direkt vor seiner Tür ein armer Mann liegt. Der hat einen Namen, Lazarus.

 

Damit dreht die Geschichte die Verhältnisse von Anfang an um. Normalerweise haben die Großen und Reichen einen Namen. Die Armen sind oft namenlos. Der Name Lazarus bedeutet übersetzt: Gott hilft. Der Mann ist so elend dran, dass nur noch Gott helfen kann.

 

Der reiche Mann im Haus trägt Purpur. Lazarus vor seiner Tür trägt Geschwüre auf seinem Körper. Die Armut ist sein Kleid – mehr noch, sie ist wie eine zweite Haut geworden.

 

Wer auf der Straße lebt, ist allen möglichen Krankheiten ausgesetzt. Krätze, Flöhe, offene Wunden, Husten, der nicht ausheilt. Die Lebenserwartung von wohnsitzlosen Frauen und Männern ist nicht hoch. Es gibt einige, die mit Ende Vierzig, Anfang Fünfzig sterben. Aber Gesundheit spielt nicht die erste Rolle auf der Straße. Das Wichtigste ist: Wo bekomme ich etwas zu essen? Wo kann ich schlafen?

 

Lazarus in der Geschichte versucht, etwas zu bekommen, was vom Tisch des reichen Mannes fällt. Er lebt von dem, was andere wegschmeißen. Er ist der Reste-Verwerter. Seine einzige Gesellschaft sind Hunde, die seine Geschwüre lecken. Ich sehe immer wieder Obdachlose, die einen Hund bei sich haben. Der einzige Gefährte an ihrer Seite, egal ob die Sonne brennt oder es in Strömen regnet.

 

Aber damals waren Hunde nicht nur treue Begleiter. In den Straßen streunten wilde Hunde. Diese Hunderudel waren gefährlich. Wer sich nicht wehren konnte, über den fielen sie her.

 

Das Leben auf der Straße ist gefährlich. Auf der Parkbank oder unter der Brücke können Ratten beißen. Oder andere überfallen einen und rauben das Wenige, das man hat. Die gesammelten Pfandflaschen oder den warmen Mantel.

 

Der reiche Mann bekommt nichts mit von dem vor seiner Tür. Er und der arme Lazarus leben zwar dicht nebeneinander, aber völlig aneinander vorbei. Reich und Arm, dicht an dicht. Nur eine Tür ist zwischen ihnen, aber es trennen sie Welten.

 

Beide sterben. Der Reiche wird begraben. Von einem Begräbnis für Lazarus ist keine Rede. Heute heißt das Sozialbestattung. Ein Mensch stirbt mittellos. Man kann keine Angehörigen finden. Das Sozialamt übernimmt die Kosten. Oft ist die Pfarrerin oder der Pfarrer der einzige Mensch, der am Grab steht.

 

Der arme Lazarus und der reiche Mann sterben. Ab jetzt wird alles anders.

 

 

In der Bibel erzählt Jesus eine Geschichte: Ein obdachloser Mann namens Lazarus und ein reicher Mann sterben. Im Jenseits sind ihre Plätze vertauscht. Engel tragen den armen Lazarus in Abrahams Schoß. Das ist ganz zärtlich erzählt. Lazarus bekommt einen Ausgleich für alles, was ihm zu Lebzeiten gefehlt hat. Da hat sich niemand um ihn gekümmert. Jetzt erhält er himmlisches Geleit. Abrahams Schoß ist in der Bibel der Ort, an dem ich geborgen bin, der Schutzraum, wo mir kein Leid mehr geschieht.

 

So eine Fürsorge hätte man dem Lazarus schon vorher gewünscht. An ihm sind die Leute vorbeigegangen, haben ihn gar nicht gesehen oder haben gedacht: Wenn ich ihm was gebe, versäuft er es ja sowieso nur. Dieser Lazarus bekommt nach dem Tod den ultimativen Ehrenplatz in Abrahams Schoß.

 

Die Geschichte erzählt von der Sehnsucht, dass es ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Irgendwann einmal wird nicht ein Elend nach dem anderen auf einen Menschen gehäuft. Irgendwo gibt es einen Ort, an dem ein Mensch die Liebe bekommt, nach der er sich immer gesehnt hat.

 

Tröstlich für alle unter uns und für alle, die wir kennen, die in armen Verhältnissen leben. Arm in finanzieller Hinsicht. Oder arm an Liebe, an Zuwendung. Wir haben davon gehört. Es gibt einen Ort, wo du Liebe bekommst. Gott lässt die Armen nicht arm bleiben.

 

Aber die ausgleichende Gerechtigkeit hat zwei Seiten.

Der reiche Mann kommt in die Hölle. Die Hölle steht in der Bibel für die letzte Verantwortung. Bei Gott ist nicht egal, was ich tue oder lasse. Erst jetzt merkt der reiche Mann, wie es ist, wenn er nicht in Saus und Braus lebt und sich nicht auf sein Vermögen verlassen kann. Er spürt am eigenen Leib, wie es ist, wenn man bedürftig ist und andere braucht. Er ruft zu Abraham: „Vater Abraham, erbarme dich meiner!“ Er bittet um gar nicht viel. Lazarus soll bitte nur eine Fingerspitze ins Wasser tauchen und damit ein wenig die Zunge des reichen Mannes im Höllenfeuer kühlen. Zum ersten Mal sieht er Lazarus, der doch all die Jahre vor seiner Tür gelebt hat. Und er weiß sogar dessen Namen.

 

So langsam fühle ich mit dem reichen Mann mit. Auch weil ich kein armer Lazarus bin, sondern auf die Seite des reichen Mannes gehöre. Ja, der reiche Mann war kein Wohltäter auf Erden. Er hat meistens an sich selbst gedacht. Er hat sein Vermögen für Party eingesetzt und nicht dafür, damit auch anderen zu helfen. Aber jetzt lernt er seine Lektion. Er begibt sich mit seiner Bitte noch tiefer herab, als Lazarus früher gelebt hat. Er will nur einen Tropfen Wasser von dessen Fingerspitzen lecken – wie einer der Hunde, die früher Lazarus die Wunden geleckt haben. Der Mann hat wirklich allen Purpur und jedes Statusgehabe abgelegt.

 

Aber von Abraham kommt nur ein schroffes Nein. Du hast dein Gutes schon gehabt – jetzt ist Lazarus dran, und der kann auch nichts für dich tun. Zu spät. Abraham sagt: Es ist eine große Kluft zwischen euch und uns. Auf der Erde waren der reiche Mann und der arme Lazarus nur durch eine Tür getrennt. Jetzt ist es eine große Kluft. Und die ist unüberwindlich auf immer und ewig.

 

Der reiche Mann versucht noch zweimal, Abraham zu erweichen. Er bittet nicht für sich selbst. Er bittet für seine Brüder. Abraham soll Lazarus zu denen schicken und sie warnen, damit sie besser leben als er und nicht in der Hölle enden. Nein, sagt Abraham. Wie sie bessere Menschen werden, das können sie schon jetzt in der Bibel lesen. Da steht, dass Reichtum kein Selbstzweck ist. Die Bibel ruft zu Gerechtigkeit auf. Mit der Hölle drohen nützt also nichts.

 

Die Geschichte kippt. Der reiche Mann wird für seine Unachtsamkeit bis in alle Ewigkeit bestraft. Ist das noch gerecht? Hat die Hölle das letzte Wort?

 

 

Diese Geschichte hat kein Happy End. Sie beschreibt eine Zukunft, die auch in der Hölle enden kann.

Das ist aber allein in der Absicht erzählt, damit wir heute auf die richtige Spur kommen, damit wir heute recht handeln.

 

Das ist ihr Sinn. Keine Vertröstung. Die würde so klingen: „Ertrage nur geduldig deine Armut, im Himmel wird es dir einmal besser gehen.“ Das ist ein billiger Trost für die, die hier und jetzt arm dran sind.

        

Und die Geschichte wird grausam und fatal, wenn sie als Angstmach-Geschichte für Reiche verwendet wird. Dann würde sie nicht zum Evangelium gehören. Sie wäre ein Produkt von Neid, Rachegedanken und Schadenfreude nach dem Motto: „Noch lacht ihr Reichen – aber das wird euch schon noch vergehen, wenn ihr in die Hölle kommt!“ Aber die Bibel erzählt nicht von einem niederträchtigen, sondern von einem barmherzigen Gott. Und Gottes Barmherzigkeit gilt allen. Armen und Reichen.

 

Es geht weder um Vertröstung noch um Angstmache. Die Geschichte meint: Es braucht einen Ausgleich zwischen Arm und Reich. Die Menschheitsfamilie darf nicht auseinander fallen. Das Wort Vermögen bedeutet: Du vermagst etwas. Wenn du etwas hast, dann kannst du etwas tun, damit es Brücken gibt über die Kluft zwischen Arm und Reich.

 

Alles wäre anders in der Geschichte, wenn die Tür zwischen dem reichen Mann und Lazarus offen gewesen wäre. Wenn der reiche Mann den Lazarus vor seiner Tür gesehen und wahrgenommen hätte. Es fängt mit dem Hinschauen an. Und geht weiter mit der Frage: Wo kann ich meinen Beitrag leisten? Vielleicht damit, dass ich mich erkundige, wo es in meiner Stadt Hilfestellen für Wohnsitzlose gibt. Dann weiß ich, wen ich kontaktieren kann.

Was tut meine Stadt für Menschen auf der Straße? Werden sie bloß weggeschickt, wo sie stören, oder sorgt die Stadt für Schutzräume? Macht sich die Stadt Gedanken, was sie langfristig tun kann, damit Obdachlose im Winter nicht erfrieren?

 

Ich als Einzelner kann tun, was ich tun kann. Aber die Kluft zwischen Arm und Reich und wie man sie überwindet, das ist eine politische Aufgabe. Es geht zum Beispiel darum, dass die Politik für bezahlbaren Wohnraum sorgt. Es braucht kluge Bildungspolitik, damit Kinder aus armen Familien gute Bildungschancen bekommen.

 

Armut ist ein großes Thema. Und sie fängt vor der Haustür an. Hier in Frankfurt am Main hat ein Mann immer denselben Menschen auf der Straße vor seiner Tür liegen sehen. Alkoholisiert, eingenässt, eingekotet. „Das kann doch nicht so bleiben“, dachte sich der Anwohner. Er hat ihn zur Elisabeth-Straßenambulanz gebracht. Die wurde zur Anlaufstelle, zu der der Mensch gehen und sich waschen konnte.

 

Der engagierte Anwohner, die Ambulanz, die Mitarbeiter in den Behörden haben es schließlich geschafft, die Familie des Mannes in Polen zu finden. Seine Schwester wusste nichts davon, dass ihr Bruder in Frankfurt auf der Straße lebt. Sie hat ihn aufgenommen. Irgendwann bekam das Team der Elisabeth-Straßenambulanz eine Postkarte aus Polen. Der Mann hat geschrieben: „Bin trocken. Es geht mir gut. Danke!“ Die pointierte Geschichte vom reichen Mann und dem armen Lazarus kann auch anders ausgehen. Deshalb steht sie in der Bibel geschrieben, wie sie geschrieben ist. Damit wir uns im Hier und Jetzt nicht mit der Kluft zwischen Reich und Arm abfinden. Damit wir dieses eine gemeinsame Leben menschenfreundlich gestalten. Amen.

Es gilt das gesprochene Wort.

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