Volksparteien und Volkskirche am Ende?

Die Gedanken zur Woche mit Pastor Matthias Viertel
Gedanken zur Woche

epd-bild/Rolf Zoellner

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Der angekündigte Abschied von Angela Merkel beschäftigt die Gemüter. Die Kanzlerin und Noch-Parteivorsitzende will sich nach den jüngsten Wahlschlappen scheibchenweise aus der Politik zurückziehen. Ein Aspekt der Wahlergebnisse gerät allerdings bei dieser Aufregung um die Personen aus dem Blickfeld – obwohl er die Zukunft der Parteienlandschaft viel mehr bestimmt als die Frage, wer dann welches Amt bekommt. Ich meine den für die alten Volksparteien bedrohlichen Bedeutungsverlust.

 

Die Wahlen in Hessen und Bayern waren in dieser Hinsicht deutlich: Ein dramatischer Verlust bei der Union und den Sozialdemokraten, stattdessen nun ein buntes Spektrum von bis zu sechs Fraktionen im Landtag, die sich um Partner und Mehrheiten bemühen müssen.

Haben die Volksparteien tatsächlich ausgedient? Oder braucht die Gesellschaft sie einfach nicht mehr? Und was tritt dann an ihre Stelle?

 

Als Pastor kenne ich das parallele Problem nur zu gut: Nämlich die Situation der alten Volkskirchen. Auch sie verlieren immer mehr an Bedeutung und haben in den Augen vieler Menschen schon lange ausgedient. Es ist ein altes Lied, dass die Epoche der Volkskirche, des Konfessionalismus zu Ende sei und Kirche nicht immer auf die Pfarrer zentriert sein muss.

 

Ob ich das Verschwinden der Volkskirchen beziehungsweise der Volksparteien nun als Fortschritt empfinde oder als Verlust deute, ob wir als Gesellschaft oder Gemeinschaft dadurch etwas gewinnen oder verlieren – das hängt vor allem davon ab, wie ich den Begriff verstehe.

 

Volkskirche meint jedenfalls nicht, dass alle Menschen dazugehören müssen und niemand einen anderen Weg im Glauben gehen darf. Gemeint ist vielmehr, dass die Kirche alle Menschen in unserer Gesellschaft im Blick hat – und eben nicht nur einzelne Interessen vertritt. So verstanden zeichnet sich Volkskirche dadurch aus, dass sie sich auch um Menschen kümmert, die nicht denselben Glauben teilen, zum Beispiel um Flüchtlinge aus anderen Kulturen. Das ist Volkskirche, wenn auch die Interessen der Andersdenkenden vertreten werden und nicht nur die der eigenen Mitglieder. Sie ist der Gesellschaft verpflichtet. Niemand soll ausgeschlossen werden, alle sind eingeladen und können selbst entscheiden, ob sie mitmachen oder lieber Distanz wahren.

 

Wer die gesellschaftliche Verpflichtung von Volkskirche aufgibt, macht Platz für Initiativen, die nur noch von Einzelinteressen ausgehen. Das hieße, krampfhaft vor allem sich selbst zu behaupten. Und nicht mehr auf das Vertrauen zu Gott und in die Gemeinde zu bauen. Volkskirche heißt, dass Kirche kein Selbstzweck ist. Damit ist sie übrigens auch eine Alternative zur Amtskirche – sie fördert ein Gemeindeleben, das den Menschen mehr verpflichtet ist als den Dogmen. Es heißt zwar, dass vor Gott jeder Mensch sich alleine verantworten muss, im Alltagsleben aber ist der Glaube nicht von den Bemühungen um die Mitmenschen zu trennen. Der christliche Weg führt immer zu den Bedürftigen.

 

Das alles meint Volkskirche. Und darin spiegelt sich durchaus die Vorstellung von einem religiösen Leben, das aus der Bevölkerung erwächst, diese aber nicht reglementiert. Eine Kirche, die den Einzelnen ernst nimmt – aber niemanden vereinnahmt. Ein gelebtes Christentum, das sich der Gesellschaft verpflichtet weiß, sich immer wieder neu formen lässt und niemanden ausschließt. Eine Kirche, die nicht nur am Machterhalt interessiert ist!

 

Könnte es, so oder ähnlich nicht auch bei den Volksparteien sein? Parteien, die Widersprüche aushalten und auch die Interessen Andersdenkender wahrnehmen. Die sich nicht als Selbstzweck zur eigenen Macht verstehen. Die weder das Volk noch den einzelnen Menschen für ihre Zwecke vereinnahmen – sich diesen aber zutiefst verpflichtet fühlen? Ich finde, das wäre tatsächlich eine Alternative zu einer bunten Vielfalt, bei der alle nur auf ihr eigenes Profil setzen, aber die Gemeinschaft und das fürsorgliche Miteinander untergehen.

 

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