Rück-Sicht statt Rück-Blick

Gedanken zur Woche

Gemeinfrei via unsplash.com (Vishal Banik)

Rück-Sicht statt Rück-Blick
Gedanken zur Woche mit Pfarrer Thomas Dörken-Kucharz
28.12.2018 06:35
07.09.2018
Thomas Dörken-Kucharz
Über die Sendung

Die Gedanken zur Woche im DLF.

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Alle blicken zurück. Ob Tageszeitungen, Zeitschriften oder Magazine, ob Radio, Fernsehen oder Onlineplattformen: Alle versuchen, die Höhepunkte des letzten Jahres aufzubereiten. Man kann dem kaum entkommen – und vielleicht will man es auch gar nicht. Denn Medien informieren nicht nur, sondern sie werten auch, ordnen ein und orientieren. Und je größer die Informationsflut ist, umso wichtiger wird das. Also wird zusammengefasst, was geht und Highlight an Highlight gereiht. Es gilt zwar nicht, die Stecknadel im Heuhaufen zu finden, aber doch die Spreu vom Weizen zu trennen: Das Besondere erkennen und würdigen, das Originäre vom Getrost-zu-Vergessenden unterscheiden. Eine solche Einordnung ist der erste Versuch, Geschichte zu schreiben.

 

Das ist das Ideal. In der Praxis ist das allerdings sehr oft einfach billig zu produzierender Content, der einen da überschwemmt. Denn zumeist ist alles schon gedreht, das Material liegt vor, die Rechte sind geklärt, die Geschichten längst erzählt. Alles muss nur neu gemixt und hübsch verpackt werden. Und so blicken die Medien und wir, ihre Zuschauer und –hörer von Anfang bis Ende Dezember dauernd zurück.

 

Meine eigene, ganz persönliche Rückschau am Jahresende fühlt sich jedoch anders an. Es scheint, als verliefen politisch-gesellschaftliches Leben und mein eigenes nach anderen Regeln. Bei den medialen Jahresrückblicken habe ich durchgängig das Gefühl des Zyklischen, des „alle Jahre wieder“. Und die Medien scheinen nicht älter, sondern immer jünger zu werden. In meiner eigenen Biographie aber geht es um Werden und Vergehen. Das klingt vollmundig, ist es aber nicht. Im persönlichen geht es um Geburt und Tod, Hochzeit oder Trennung, um viel ganz Alltägliches, um Job, Karriere, Konflikte, Unfall, Krankheit, Gesundung oder Umzug. Und ich stelle fest: Anders als die Medien werde ich dabei immer älter. Unaufhaltsam. Der Strom der Zeit ist eben nicht zyklisch, sondern hat eine Richtung: von der Quelle zur Mündung.

 

Es gibt verschiedene Strategien, um das eigene Leben in diesem stetigen Strom zu leben – anstatt bloß gelebt zu werden. Der Versuch, gegen den Strom – also gegen diesen Strom – zu schwimmen, ist davon die schlechteste Variante.

 

Eine viel bessere ist „Innehalten“. Man kann den Strom nicht aufhalten, aber man kann in ihm innehalten. Wer innehält, kann die Strömung studieren, den Fluss verstehen, dem er nicht entkommen kann. Beim Innehalten können dann auch Rückblicke helfen, um das bisherige Treiben zu analysieren und dem Strom nicht mehr so willkürlich und haltlos ausgeliefert zu sein. Denn wer die Strömung versteht, nützt sie, entspannt in Ufernähe und meidet Stromschnellen. Er oder sie wird dann nicht einfach passiv getrieben, mitgerissen oder gar fortgespült. Innehalten ist die Suche nach einem inneren Halt und einem inneren Kompass. Innehalten im eigenen Lebensfluss befragt die eigene Seele wie es ihr geht. Zwar gibt es den skeptisch-resignierten Berliner, der die Aufforderung „'Jeh' in dir, Mann!' kontert mit: 'Da war ick schon – ooch nüscht los.'“ – Ich glaube ihm aber nicht, sondern meine, dass da doch was ist. Er hat nur nicht richtig nachgesehen. Irgendwann kommt beim Innehalten auch das Gewissen, und für uns Christen sogar Gott ins Spiel.

 

Zum Innehalten passt gut eine zweite Strategie: sich eine Aufgabe zu suchen. Diese Strategie steckt zum Beispiel in der Jahreslosung, eine Art christliches Jahresmotto. Die Losung für 2019 ist ein Psalmwort: „Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Ps 34,15). Das orientiert, erfüllt und steckt als große Aufgabe viele weitere, kleine Ziele. Politisch-gesellschaftlich genauso wie in meinem eigenen, privaten Leben.

 

Und Frieden – der entsteht im Übrigen nicht im Rück-Blick, sondern durch Rück-Sicht.

 

Leben – oder gelebt werden? Diskutieren Sie mit über ihre Strategien, auf Facebook unter „Evangelisch im Deutschlandradio“.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

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07.09.2018
Thomas Dörken-Kucharz