Nur mit Euch!

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Gemeinfrei via unsplash.com (rawpixel)

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„Nur mit Euch!“ Das war das Motto der zentralen Feier zum Tag der deutschen Einheit, die in diesem Jahr in Berlin stattfand. Ein Motto, das eigentlich nicht auf diesen Tag begrenzt werden dürfte. „Nur mit Euch“ – das ist angesagt, weil viele Menschen in Deutschland gerade das Gefühl haben, dass sie abgehängt werden, gar nicht mehr vorkommen, am Ende sogar übrigbleiben. Dass die Politik, die Presse, die Kirche, die Wirtschaft den Bezug zum Menschen verloren haben. „Nur mit Euch!“ ist dagegen eine Zusage über den Tag hinaus: Unsere Gesellschaft, also wir, haben eine Zukunft, wenn wir aufeinander zugehen, uns akzeptieren und ernst nehmen.

 

Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Deutschland wirkt so zerfasert wie selten zuvor. Viele Einzelinteressen stehen sich gegenüber und erwecken den Eindruck der Unversöhnlichkeit: Hier die Linken und dort die Rechten, hier die Christen und dort die Atheisten oder gar Muslime. Schon lange geht es nicht mehr nur um das Zusammenwachsen von Ost und West. Politische Parteien begegnen sich, als seien sie auf dem Kriegspfad, die einen wollen mit den anderen keine Koalition bilden und die anderen betonen, mit wem sie am besten überhaupt nicht mehr reden. Nationalistische Terrorzellen und offene Angriffe auf Menschen aus anderen Kulturen bilden da nur den Gipfel des Eisberges. Der größere Teil verbirgt sich unter der Oberfläche: Ein an sich gesunder Egoismus, ein natürliches Selbstbewusstsein entwickelt sich hin zu einer ansteckenden Unversöhnlichkeit. Nicht nur zwischen Berlin und München tut sich ein Abgrund auf; Gräben ziehen sich auch zwischen den Menschen, je nach der persönlichen Einstellung und dem, was sie jeweils für wahr und richtig halten.

 

Ich möchte die deutsche Einheit feiern als ein gemeinsames Bewusstsein – nicht nur als Event an einem Tag mit Gottesdienst, Konzert und Abschlussfeuerwerk. Ich möchte eine Einheit feiern, die Vielfalt nicht als bedrohlichen Gegensatz bewertet. Ich möchte stolz sein auf unser Land, in dem jedenfalls die Meinungsvielfalt unbedingt dazugehört.

 

Auch meine christliche Tradition ringt um ihre Einheit. Sie spricht heute von versöhnter Verschiedenheit und meint damit: Es ist gar nicht nötig, immer die gleiche Meinung zu haben. Es schadet nicht, wenn wir einzelne Fragen unterschiedlich beantworten. Es kann sogar förderlich sein, wenn Meinungen auseinandergehen und zu Diskussionen führen. Es ist auch weder nötig noch ratsam, allein auf Konsens zu pochen und zu denken, dass Einheit die Verschiedenheit von Lebensbildern ausschließt.

 

In der christlichen Tradition findet sich eine gute Vorlage für eine solche versöhnte Verschiedenheit. Im Neuen Testament stehen vier Evangelien nebeneinander. In einzelnen Fragen unterscheiden sich diese Berichte über das Leben und Wirken Jesu, in Details sind sie sogar widersprüchlich. Und doch haben alle Sichtweisen ihre Berechtigung, egal ob sie auf Matthäus, Markus, Lukas oder Johannes zurückgehen. Diese Vielfalt ist für den gemeinsamen Glauben sehr wichtig, gerade weil sie aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten hervorgeht. Gerade weil sie verschiedene religiöse Hintergründe haben stehen die unterschiedlichen Perspektiven gleichberechtigt nebeneinander. Der christliche Glaube gründet von Anfang an auf einer Vielfalt und eben nicht auf der einen Meinung, die alles Recht für sich allein beansprucht. Gerade deshalb ist die Gemeinschaft der Glaubenden ein Leib – mit vielen Gliedern, die manchmal unterschiedlicher nicht sein können.

 

Vielfalt wird dann als Gewinn betrachtet, und versöhnte Verschiedenheit meint: Gerade weil sich unsere Überzeugungen und unsere kulturellen Wurzeln unterscheiden, weil wir anders sind und anders denken bilden wir eine Einheit, die jeden einzelnen schätzt und respektiert. Was eint, ist ein Geist der Liebe, in dem jeder dem anderen zuruft: „Nur mit dir!“ Auch und gerade dann, wenn es schwerfällt und man sich lieber abgrenzen möchte.

 

In diesem Geist lässt sich diskutieren – das können Sie jetzt tun auf Facebook unter „Evangelisch im Deutschlandradio“.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

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