Wenn Liebe durch die Mauer geht

Zum Tag der Deutschen Einheit
John und Christiane 1982

John und Christiane 1982

Über die Sendung:

„Wir wollten einfach nur heiraten…“ erzählt Christiane Shreve heute. Doch es sollte Jahre dauern, bis es soweit kam, denn sie war aus dem Osten, ihr Freund lebte als Amerikaner in West-Berlin. Die Mauer konnte ihre Liebe nicht verhindern: Von 1978 - 1983 überquerte John Shreve oft täglich den Grenzübergang. Immer wieder hieß es Abschied nehmen, sogar an dem Tag, als die gemeinsame Tochter zur Welt kam. Bis 1989 wurde das Paar von der Stasi bespitzelt. Eine besondere Geschichte von dem langen Weg zur Einheit.     

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Christiane:

Ich hab in einer Wohngemeinschaft gewohnt nach`m Studium. Da wohnten 15 junge Frauen in der Kietzer Straße in Berlin-Köpenick. Und da wohnte ich mit einer Ingrid Hölzer zusammen, und – das wusste ich damals noch nicht – die hatte einen Brieffreund in Amerika, das war John. Und John hatte zurzeit n Fulbrightstudium in West-Berlin und wollte mal seine Brieffreundin kennenlernen, und da kam er in diese Wohnung und da hat er mich auch gesehen. Ich hab` erst gedacht: Der hat `n komischen Akzent, aus welchem Landesteil der DDR stamm der? Aber dass er Amerikaner war, das hab ich am Anfang nicht mitbekommen.

 

John:

Diese junge Frau hat mich interessiert von Anfang an. Die Brieffreundin fand ich weniger sympathisch. Ich wollt sie auch nicht mehr besuchen, aber dann, nachdem ich Christiane gesehen hatte, wollte ich doch irgendwie immer wieder hin! Ja, bei mir war es auf jeden Fall Liebe auf den ersten Blick, um es kitschig zu machen. Beim zweiten Besuch war mein Interesse noch gesteigert und beim dritten hab ich mir gesagt: Diese Frau willst Du heiraten!

 

 

Liebe geht oft Umwege. Bei John und Christiane Shreve lagen gleich ein paar tausend Kilometer dazwischen - und die Mauer: über 28 Jahre lang unbarmherziges Zeichen der deutschen Teilung. Christiane Shreve wuchs in Brandenburg auf – in dem kleinen Dorf Reetz in der Nähe von Bad Belzig und der Spargelstadt Beelitz. John Shreve wurde 1952 in Missouri geboren – mehr als 7000 Kilometer entfernt. In Montana studierte er Germanistik und pendelte dann zwischen Europa und Amerika. Als amerikanischer Staatsbürger konnte er die innerdeutsche Grenze mit einem Tagesvisum passieren. Ein Zufall ließ die beiden 1977 in Ost-Berlin aufeinandertreffen: Christiane, eine junge DDR-Bürgerin, die im Sozialismus aufgewachsen war, und John, ein Amerikaner. Eine gewagte Kombination zu Zeiten des Kalten Krieges:

 

Christiane:

Ja na sicher. Ich dachte: ein Amerikaner - DDR, das geht sowieso nicht und auf der anderen Seite war ich natürlich auch neugierig, weil es einfach was anderes war, was man nicht so kannte. Und ich hab ihn dann immer gebeten für mich, da war ich damals Leonard Cohen Fan, da die Kassetten zu bringen und die Texte für mich zu übersetzen. Das hat John dann auch immer brav gemacht…

 

 

Die Mauer stand jahrelang als Hindernis zwischen ihrer Liebe. Eine Liebe, die trotzdem Schlupflöcher fand und die gehalten hat - bis heute. Trotz zahlreicher Widerstände, trotz mancher Zweifel, Hindernisse und Schikanen. Heute leben John und Christiane Shreve im Südwesten Berlins. Bloß zehn Minuten zu Fuß sind es bis zum ehemaligen Mauerstreifen. Dort erinnert kaum etwas an die Grenze von damals. Frei geht der Blick über die Felder, auf denen Kinder Drachen steigen lassen, Pärchen spazieren gehen und Hunde herumtollen. Die Mauer gibt es seit bald 30 Jahren nicht mehr. Zeit für die beiden, ihre Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die zum Tag der deutschen Einheit passt. Weil sie zeigt, wie lange es manchmal braucht, bis der Traum von Einheit tatsächlich Wirklichkeit wird. Weil dazu Mut und Ausdauer gehören und immer wieder auch Beharrlichkeit. Das hat Christiane schon in ihrer Schulzeit erfahren:

 

Christiane:

Ich war ne gute Schülerin, sollte aber kein Abitur machen, weil mein Vater selbständiger Handwerker war und ich konfirmiert wurde und keine Jugendweihe hatte, und da hat sich der Pastor für uns eingesetzt, der Superintendent, der wohnte damals noch in Belzig, dass ich also doch Abitur machen kann.

 

Wer verliebt ist, will Zeit miteinander verbringen. Zeit, die für die Liebenden aus zwei Welten knapp war. Noch dazu in einer Zeit ohne Handy und Skypen…

 

Christiane:

Dann lief die Zeit ja ab, dann musste er zurück nach Amerika. Dann hatten wir uns immer geschrieben, und im Sommer `78 sind wir zusammen nach Ungarn in Urlaub gefahren, weil das war dann unproblematisch mit dem Hin und Her. Also Telefon hatte ich ja nicht, also auf die Briefe – und dann hab ich ja nachher erfahren, John konnte meine Schrift überhaupt nicht lesen. Das hat er aber nicht zugegeben… John musste dann ja wieder zurück nach Amerika, und in Ungarn, das war eigentlich ganz schön. Da hat er mir dann die Bilder geschickt, und dann hab ich gedacht: Was mach ich jetzt? Trenn ich mich jetzt von ihm oder will ich, dass es weitergeht? Da hab ich glaube ich `ne Weile gebraucht. Dann haben wir uns nur geschrieben. Und dann auf einmal stand John, ich glaub, das war dann 79 oder 80, da stand er auf einmal und hat mich von der Arbeit abgeholt. Und da hab ich gedacht, ne jetzt ist es richtig. Jetzt machst du es.

 

John:

Als ich in Montana war – wir hatten fast ein Jahr nichts voneinander gehört – an meinem Geburtstag hab ich Babysitter bei meinem Freund gespielt, und das Telefon klingelte und es war meine Mutter und hat gesagt: Christiane hat angerufen zu meinem Geburtstag. Und an dem Tag hab ich alles in die Wege geleitet, dass ich wieder nach Deutschland kam, und wusste das: Ich gehe nicht mehr weg!

 

Christiane:

Also meine Eltern waren nicht begeistert, die haben gedacht, wenn jetzt die Tochter den heiratet und ausreist, dann sehen wir sie nie wieder! Das haben die damals gedacht. John ist ja immer hin und hergependelt, und ich hatte mich dann entschlossen, `n Ausreiseantrag zu stellen – das war dann im Oktober `81. Und dann wurde ich da einbestellt. Ich war da für `ne Karriere vorgesehen, da hat mich der Direktor reingerufen und hat mich da angesprochen, ob ich mir das richtig überlegt hätte, was meine Gründe wären, und wenn ich mich einmal entschieden habe, dann bleib ich dabei. Ich bin dann auch stur. Da hat er gesagt: Tut mir ja leid, er bedauert das sehr. Ich hätte immer gute Arbeit gemacht, aber diese Funktion als Gruppenleiterin kann ich nicht mehr wahrnehmen. Er muss mich meines Amtes entheben. Und dann wurden alle einberufen, dann wurde das mitgeteilt, und dann guckten die alle so. Und da sag ich: Also ich bin jetzt hier kein Schwerverbrecher. Ich will ausreisen, weil ich heiraten will!

 

 

Viele DDR-Bürger stellten damals Ausreiseanträge. Regimekritiker wurden kurzerhand ausgebürgert – wie der Liedermacher Wolf Biermann – oder abgeschoben wie Stephan Krawczyk, der zuvor nur noch in Kirchen auftreten durfte. Lieder von ihm begleiten uns durch diese Sendung.

 

Wer in der DDR zuhause war, verließ sein Land nicht mit leichtem Herzen. Der schweren Entscheidung, öffentlich einen Ausreiseantrag zu stellen, ging oft ein monatelanges Ringen voraus. Christiane hängt an ihrer Brandenburger Heimat – bis heute. Sie fährt häufig nach Reetz in ihr Dorf, das nur eine gute Stunde von Berlin entfernt liegt. Ihre Geschwister leben noch da. Damals musste sie sich entscheiden – Liebe oder Familie. Was macht das mit einem Paar, das sich liebt, wenn klar ist, dass einer von beiden gehen muss?

 

Christiane:

Da hab ich mich auch `ne Weile mit abgequält. Irgend` ne Entscheidung musst Du jetzt treffen: für dein eigenes neues Leben oder dass du dein altes weiterführst, aber dann bleibst Du eben allein. Und das wollt ich auch nicht. Und dann hab ich gedacht: Nee, ich bin sowieso bisschen risikofreudig, dachte jetzt, das willste jetzt mitmachen! Ich glaube, das hab ich mit mir ausgemacht, ja!

 

John:

Ich hab versucht, sie nicht unter Druck zu setzen. Für mich war es auf der anderen Seite ne völlig andere Geschichte: Sie war in ihrer Wohnung, sie war in ihrer Heimat, sie hatte ihre Arbeit und ihren Freundeskreis, und ich hing so zwischen zwei Welten. Und ich würde sagen: sogar in drei Welten, weil ich bin hunderte Male durch die Mauer hin und hergegangen, immer mitten in der Nacht in der Regel, und das hieß: Ich war in West-Berlin, und ich hatte erst mal gar keine Arbeit und dann hab ich von Musik auf der Straße gelebt. Dann hab ich endlich mal in der Volkshochschule angefangen – und ich hatte gar kein Leben, hatte keinen Freundeskreis im Grunde. Ich lebte nur dafür, dass ich über die Grenze könnte! Es war für mich eine permanente Ausnahmesituation. Mir wurde die Einreise auch öfter verweigert. Und ich musste wieder nach Hause. Manchmal bin ich einfach zum andern Grenzübergang, und dann ging ich rüber. Also es war ein großes Spiel.

 

Im Oktober stellte Christiane einen Ausreiseantrag. Kurze Zeit darauf wurde sie schwanger. Aus dem Spiel wurde bitterer Ernst. Denn nun trennte die Mauer nicht mehr bloß zwei, die sich liebten, sondern auch einen Vater von Mutter und Kind:

 

Christiane:

Ich bin dann damals zurück zu meinen Eltern. Die haben mir geholfen: Wir sind mit den Sachen zurück aufs Land, und am nächsten Tag begannen schon die Wehen. Dann hat mich meine Schwester noch ins Krankenhaus gefahren in Belzig, und die hat dann auch `n Telegramm an John geschickt, dass also unsre Tochter geboren war. Das war dann auch noch missverständlich, denn sie hat dann geschrieben: Christine und Saskia sind wohlauf – da hat er schon gedacht, er ist Vater von Zwillingen geworden! Und dann auf einmal ging im Krankenhaus die Tür auf und da stand John, und da dacht ich: Was hat der sich denn jetzt erlaubt. Ich wusste schon, der war so n bisschen radikal… Und dann hat er kurz Saskia gesehen, naja.

 

John:

Und ich bin da hingefahren, kam zum Krankenhaus, das war abgeschlossen mit einer Kette. Und ich stand da neben der Tür, dachte, nach dem langen Weg musst Du versuchen, in das Haus reinzukommen. Ich bin um das Haus rumgegangen, bis ich eine offene Tür fand, und das war die Außentür von einer Abstellkammer für Putzmittel und Putzgeräte, und so bin ich da rein gekommen. Also das bedauere ich noch heute: Ich sah sie, ich hab sie auf`n Arm genommen, aber ich blieb ein Fremder die ersten acht Monate ihres Lebens mit Sicherheit, und das ist etwas, das man nicht ersetzen kann. Das war eine schwere Zeit: Jedes Mal, wenn ich gehen musste – und das war immer am gleichen Tag nach vielleicht sechs Stunden Besuch - war es hart. Ich hab sie sehr vermisst, die Kleine, muss ich sagen.

 

 

John Shreve lebt heute als freischaffender Musiker und Schriftsteller in Berlin. Er ist Großvater und tritt als Sänger auf. Vornehmlich mit Liedern aus seiner Heimat Montana.

Am 9. Dezember 1982 durfte das junge Paar damals endlich heiraten. In Ost-Berlin gaben sich John und Christiane vor einer kleinen Hochzeitsgesellschaft das Ja-Wort. Der evangelische Pfarrer, der das Paar eigentlich trauen sollte, hatte seine Stimme verloren. So musste kurzfristig Ersatz her. Am Ende wurden die Braut aus dem Osten und der Mann aus Amerika von einem Pfarrer aus Boston getraut, der gerade als Gastpfarrer vor Ort war. Als Trauspruch wählte das Paar einen Vers aus dem 1. Korintherbrief: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe – diese drei. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen.

 

 

Nur drei Monate nach der Hochzeit reiste das junge Paar aus. Im Gepäck die kleine Tochter. Am 28. Februar 1983 hieß es Abschied nehmen. Die Maschine nach Amerika startete vom Flughafen Berlin - Schönefeld. Zurück blieben Christianes Eltern und Geschwister.

 

Christiane:

Die standen dann da und haben gewunken und haben gedacht, die sehen mich demnächst nicht wieder. Bei mir waren da auch zwei Herzen in einer Burst: Dein altes Leben ist jetzt einfach weg und jetzt kommt was Neues, Ungewisses. Du weißt nicht, was es bringt. Aber so ängstlich bin ich eigentlich nicht. Ich dachte, das wird schon werden!

 

John:

Naja, für mich war das Gefühl: endlich! Für mich ging auch `ne Lebenszeit zuende, die fast fünf Jahre sich hingezogen hatte: dieses zwischen zwei Welten pendeln. Es war ein Triumph in mir gegen dieses Land, gegen diesen Staat, geb` ich ganz ehrlich zu. Ich lebte in zwei Welten und dann diese Zwischenwelt, wo ich eigentlich nur schikaniert wurde und musste einfach teilweise nach ihren Regeln mich verhalten, aber teilweise merkte ich auch, wenn man einfach frech ist und die Wahrheit sagt und ruhig bleibt, man konnte davon kommen, dass ich mich ausziehen musste, was sie öfter verlangt haben, oder irgendwelche Schikanen hab ich einfach abgelehnt, gesagt, das manche ich nicht mit, das können sie nicht machen mit mir. Und meistens bin ich durch gekommen damit.

 

In Amerika versuchte die junge Familie Fuß zu fassen – und kehrte nach sechs Monaten wieder zurück nach Deutschland. Das zweite Kind war unterwegs. Die Familie zog ins West-Berliner Kreuzberg. Der Arbeit wegen. Und um der Familie von Christiane näher zu sein. Sechs Jahre später fiel die Mauer. Aber der Spuk war noch lange nicht vorbei. John und Christiane Shreve stellten Antrag bei der Gauck-Behörde – auf Akteneinsicht:

 

John:

Die ganze Zeit – praktisch von dem Tag, an dem wir uns kennengelernt haben bis die Mauer fiel – also lange nach unserer Hochzeit – wurden wir bespitzelt von der Stasi. Ununterbrochen. Ich wurde beschattet in Ost-Berlin, wenn ich über die Grenze ging, lief oft einer hinter mir her. Ich wurde einmal mitten in der Nacht von acht Polizisten umringt, mitten Unter den Linden. Solche Sachen habe ich ständig erlebt. Freunde haben uns bespitzelt. Das war für mich, dachte ich im Grunde, mit der Ausreise abgehakt. Stellte sich heraus, dass es nicht der Fall war, dass es intensiviert wurde sogar nach unserer Hochzeit und nach unserer Rückkehr nach Deutschland. Das haben wir erst später im Detail erfahren, aber: Das ging bis zuletzt – 1989 zwischen Februar und August waren 13 operative Maßnahmen gegen uns durchgeführt mit der Absicht uns Spionage zu beweisen.

 

Mehr als hundert Seiten umfasst die vorliegende Stasiakte der beiden. Teile davon wurden vernichtet.

 

Christiane:

Da haben wir dann einmal unser ganzes Privatleben nachlesen können. Die hatten jeden Brief geöffnet – egal, wem wir den geschrieben hatten – und sieben Leute beschäftigt, uns zu beschatten. Wir haben einfach nur `n ganz normales Leben geführt, Autoreparatur, Kind krank – also der ganz normale Wahnsinn, aber nichts Besonderes. Und die hatten eben den Verdacht, dass John für den CIA spioniert – und die hatten den Verdacht, dass er für die DDR spioniert. Das war schon `ne schwierige Situation. Das Private ist politisch. Ich war vorher auch so`n politisch informierter Mensch, aber ich war kein Klassenkämpfer. Aber als ich dann merkte, weil man einfach nur heiraten will – das ist ja nichts, was man gegen den Staat macht – und der schreibt dir vor, mit wem du leben sollst und so, also da hab ich die politische Lage auch anders betrachtet!

 

Fast dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer ist es Zeit, nach vorne zu blicken, meint Christiane. Die Dinge nicht vergessen, aber auch nicht ständig hervorkramen. Aber ein Gefühl der Verunsicherung und des Misstrauens bleibt:

 

Christiane:

Ich wäre also durchaus auch bereit zu verzeihen. Weil ich mir das auch vorstellen kann: Du wirst so unter Druck gesetzt: Deine Kinder, dein Mann oder so – weil der Staat so war – und dann hat man eben so was geschrieben, wo man wusste: Da passiert nichts, aber ich hab meine Ruhe… Die Menschen sind alle keine Helden, und ich selber bin auch kein Held! Der Staat hat ja nur mit Angst funktioniert. Wenn da jemand gesagt hätte: Du, die haben mich erpresst, und ich hab vielleicht was geschrieben und ich wollte dir nicht schaden, aber einfach aus Angst… das könnte ich auch verzeihen, aber in der ganzen Zeit ist da niemand auf uns zugekommen.

 

John:

Von dieser Liste von etwa 12 Leuten – Freunde, Familie – die haben uns mitgeteilt: drei waren Stasispitzel, sie haben uns 12 Jahre lang bespitzelt, das heißt drei von diesen Leuten, mit denen wir heute zu tun haben, waren Stasispitzel. Ich bin nicht sicher, wenn wir bestimmte Leute aus diesem Kreis – da weiß ich: Irgendjemand hier war für die andere Seite.

 

Die Liebe von John und Christiane hat gehalten. Gegen alle Widerstände, trotz Bespitzelung und Hindernissen. Die Mauer blieb ein kleines Stück durchlässig für diese Liebe. Manche Liebe scheiterte an der Mauer. John und Christiane hatten Glück. Sie durften ausreisen. Keiner von ihnen wurde verhaftet. Heute leben sie beide in einem freien Land – und können reisen: nach Amerika oder nach Reetz, in Christianes Heimatdorf. Ihre Kinder haben die doppelte Staatsbürgerschaft – die deutsche und die amerikanische. Christiane ist seit kurzem nicht mehr berufstätig. Sie wollen mehr Zeit haben. Ihre gemeinsame Geschichte hat John aufgeschrieben: für die Kinder und Enkel. Eines Tages soll vielleicht mal ein Buch daraus werden. Damit die Geschichte der beiden – und die ganz große - nicht vergessen wird.

 

John:

Ich würde hoffen, dass die Menschen in der ehemaligen DDR richtig wahrnehmen, was es bedeutet, in einer Demokratie zu leben: Dass Demokratie Verantwortung heißt, auch Risiko heißt, auch Beteiligung heißt und Toleranz bedeutet, Kompromisse bedeutet, dass sie eines Tages akzeptieren, was für ein Riesengeschenk die Demokratie ist.

 

Christiane:

Das Wichtigste ist, dass man wirklich miteinander im Austausch bleibt und dass anders zu sein nicht heißt, schlechter zu sein, sondern jeder sollte dem andern so viel Respekt und Vertrauen entgegen bringen - so dieser alte Spruch: Was man selbst erwartet, so sollte man sich auch gegenüber jedem anderen Menschen benehmen.

 

 

Heute ist der Tag der deutschen Einheit. Für John und Christiane gibt es nicht den einen Tag. Es sind viele Daten, die für sie dazu gehören: Der Tag des ersten Kennenlernens, der Tag Ihrer Hochzeit, der Tag der Ausreise. 1989 – im Jahr des Mauerfalls – promovierte John Shreve an der Freien Universität Berlin über den Liedermacher Wolf Biermann. Die Tage von damals sind ihm tief im Gedächtnis geblieben:

 

John:

Ich nahm an dieser Demonstration teil in Ost-Berlin: DDR-Menschen, die frei waren, die fröhlich waren, die sich auflehnten gegen den Staat mit den Plakaten und ihrem ganzen Wesen, dass die Polizei verschwunden war – und dann kam man am Alexanderplatz an, und wir hörten die SED wieder – wir hörten Gregor Gysi, wir hörten Markus Wolff von der Stasi, wir hörten Günther Schabowski und viele andere, die über den Sozialismus weiter geredet haben. Und die Massen waren in der anderen Veranstaltung. Die wollten nichts mehr über die SED wissen, und die wollten nichts mehr über den Sozialismus wissen. Und das war für mich auch eine Erkenntnis: Die da oben hatten immer noch keine Ahnung: Die stellten sich hin als Helden, aber das Volk war eigentlich das, was die DDR zu Ende gebracht hat. Und ich dachte in dem Moment: ist nur eine Frage der Zeit!

 

Eine Liebe zwischen Ost und West. 41 Jahre sind seit der ersten Begegnung von John und Christiane damals vergangen. Verheiratet sind die beiden seit 35 Jahren – und immer noch glücklich.

 

John:

Zu unserer Silberhochzeit habe ich aus unserer Stasiakte zitiert: „Ein Offizier der Stasi kam zu dem Schluss: Es handelt sich nicht um eine ernsthafte Beziehung.“ Christiane wollte nur ausreisen und benutzt mich dazu. Aber das war auf unserer Silberhochzeit. Die Stasi gab es schon lange nicht mehr, aber wir, wir gab es noch.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

 

Musik dieser Sendung:

  1. Heute, Stephan Krawczyk, Erdverbunden luftvermählt
  2. Widerstehen, Stephan Krawczyk, Erdverbunden luftvermählt
  3. Little Birdie, Leap of Faith. John Shreve
  4. Sanft, Stephan Krawczyk, Erdverbunden luftvermählt