Geschichte zum Anfassen

Geschichte zum Anfassen
Geschichte zum Anfassen
Neue Ausgrabungen im alten Jerusalem
17.03.2019 07:05
07.02.2019
Frank-Michael Theuer
Über die Sendung:

Stratigraphie, so heißt die vertikale Abfolge von Siedlungsschichten auf Archäologisch. Da gräbt man sich hindurch, wenige Meter nur, aber tief hinein in die Vergangenheit. Oben, an der Oberfläche, ist Gegenwart, Alltag. Unten ist Geschichte, auch Alltag, längst vergangen und manchmal ganz nah, mit Händen zu greifen.

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Herr Heidenreich:

Wir haben ja nicht gewusst was uns erwartet. So, das muss man klar und deutlich sagen. Wir haben nicht gewusst was uns erwartet, also, wie gesagt, du hast ja die Vorstellung, die du im Fernsehen siehst, also die Eimerträger und Schubkarrenfahrer und und und…

 

Geschichte zum Anfassen. Diese Idee ist es, die Ulrich Heidenreich und seine Frau Martina nach Jerusalem geführt hat. 2900 Kilometer, aber nicht in den Urlaub, sondern um zu Arbeiten. Nicht zum Sonnenbaden, sondern zum Graben.

 

Herr Heidenreich:

5m bis 7m waren schon abgetragen, ja und da haben wir dann weiter gegraben Frau Heidenreich: immer in Schichten wie üblich runter…

 

Wenige Meter nur, aber tief hinein in die Vergangenheit. Sie könnten weit gekommen sein, bis in die Eisenzeit, vielleicht 2900 Jahre zurück. Oben, an der Oberfläche - das ist modern. Alltag. Unten ist Geschichte. Auch Alltag - aber längst vergangen. Verfallen oder zerstört. Darauf wurde aufgebaut, ist wieder verfallen, lag brach, wurde wieder aufgebaut und so weiter.

 

In der Archäologie nennt man die vertikale Abfolge von Siedlungsschichten Stratigraphie. Und da hindurch gegraben hat sich das Potsdamer Ehepaar natürlich nicht einfach so:

 

Herr Heidenreich:

...wir waren dann auch zu einem Vorbereitungstreffen im Februar und da haben wir Prof. Vieweger das erste Mal persönlich kennengelernt und auch festgestellt, dass wir aus der gleichen Ecke kommen, aus dem Erzgebirge, ja, und da sind wir eben dann vor 2 Jahren hin.

Das Deutsche Evangelische Institut hatte ich angeschrieben, auch vorher schon, so und da kam eben nein, wir nehmen keine Leute mit und die haben uns dann praktisch nochmal angeschrieben, ein Jahr bevor wir dann hingefahren sind, Frau Heidenreich: 2016 Herr Heidenreich: dadurch ist der Kontakt zustande gekommen. 

 

Das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaften des Heiligen Landes gräbt seit 2015 auf dem Zionsberg, dort, wo das Ehepaar Heidenreich mitgeholfen hat.

Und Dieter Vieweger, Direktor des Instituts, Professor für Altes Testament und Biblische Archäologie, erzählt gern davon. Auf den Vorbereitungstreffen für die Volontäre bei Grabungskampagnen, im Hörsaal der Universität - und besonders gern in Jerusalem, an Ort und Stelle, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Egal, ob Fachkollegen oder Laien, Vortrag, Grabung oder Führung: hier ist er in seinem Element, im Staub und zwischen alten Steinen, umgeben von faszinierten Augen und wissbegierigen Ohren. Schlägt die Brücke von heute ins Damals und zurück. Es dauert nicht lange, bis die Steine zu sprechen anfangen, Geschichte lebendig wird - und manche Aktualität altbacken erscheint, wenn er die Fundamente erklärt, von den Ursprüngen erzählt - und den verschlungenen Wegen, die ihn und seine Mitstreiter erst bis dorthin gebracht haben.

 

Dieter Vieweger:

Sie können sich vorstellen, was wir hier gebuddelt haben und wie wir gesucht haben. Also, 2016 war ein Jahr zum Verzweifeln. Und… 2017 haben wir dann die Häuser und 2018 haben wir jetzt alles groß frei...  also wenn ich einmal was hab, und mich daran an… ach, hier kommt die byzant… hier kommt die neu, hier kommt das nächste… Aber solange ich nichts habe und im Nichts: dann sagen die Leute, wir sind jetzt hier 40 Leute, wir arbeiten jetzt hier 6 Wochen, wir haben hier eigentlich nichts gefunden, ist das Geld hier gut angelegt oder nicht? Und dann wartet man ein Jahr und sagt - natürlich ist das Geld gut angelegt, wir haben doch… Also, es muss innerhalb der Stadtmauer auch eine Bebauung geben, aber wo man die findet und wie man die findet und in welchem Zustand ist natürlich eine andere Geschichte. 

 

Dass hier, auf dem Zionsberg im Süden Jerusalems, auf dem anglikanisch-preußischen Friedhof aus dem 19. Jahrhundert, verschiedene Stadtmauern aus 2 Jahrtausenden zu finden sind, das war bekannt. Ausgrabungen selbst haben oft schon eine Geschichte. Pioniere waren hier die Briten Frederick Bliss und Archibald Dickie, sie führten die erste Grabung an dieser Stelle durch.

 

Dieter Vieweger:

So, das alles ist nicht neu. Sondern das ist von den Jahren 1894/95 von Bliss und Dickie schon erkannt worden, hier unten haben wir einen Tunnel, der durchgeht, dahinten mit den Säcken ausgelegt, ist ein zweiter Tunnel. Und hier haben wir noch einen Tunnel. Das heißt... Bliss und Dickie… Ich kann auch gleich den Eingang zeigen. Die haben hier den Eingang gehabt dahinten, haben den auch gepflastert, sind dann unten rein, sind in diese Cloaka Maxima rein, haben dadurch die Stadtmauer queren können und sind dann hier jede Richtung rein wie die ja … ja wie die Maulwürfe, haben sie hinterher…  also vorneweg erst mal wie die Mäuse und dann, wenn sie was Schönes gefunden haben wie ein Stadttor, haben sie nach obenhin aufgemacht und haben faktisch einen Maulwurfshügel gemacht.

 

Diesen ‚Maulwurfshügel‘ - und eine ganze Menge mehr, insgesamt 120 Tonnen, hat die erste Grabungskampagne 2015 abgetragen. Nicht bloß Arbeit für Schaufel, Schubkarre und LKW - Hand und Kopf gehören in der Archäologie unbedingt zusammen.

 

Dieter Vieweger:

Wir haben 15 alles davon freigeräumt, was die Alten schon ausgegraben haben und haben es erst mal richtig verstanden.

 

Das, was die beiden Briten Bliss und Dickie vor mehr als hundert Jahren gefunden haben, ist eine Toranlage aus drei übereinanderliegenden Schwellen, die allesamt in verschiedene Zeiten zu datieren sind. Für das unterste und damit älteste Portal ist es wahrscheinlich, dass ein literarisches Dokument das Tor mit Namen identifiziert. Der römische Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet über den Aufstand der Juden gegen die römische Eroberung im Jahr 70 n. Chr. und beschreibt die Stadtmauer Jerusalems zu dieser Zeit:

 

Sprecher:

Unter den Mauern war die „alte“ Mauer wegen der sie umgebenden Schluchten und wegen des hoch darüber aufragenden Hügels, auf dem sie gebaut war, besonders schwer zu stürmen. Abgesehen von dieser vorteilhaften Lage war auch ihre Bauart eine sehr feste, da schon David und Salomon und dann die folgenden Könige ihren Stolz in die Förderung dieses Werkes gesetzt hatten. Auf der Nordseite ging sie vom Thurme aus, der den Namen Hippikusthurm führt, und zog sich zum sogenannten Xystus hinüber (…), um dann an der westlichen Tempelhalle ihren Abschluss zu finden. Auf der anderen Seite gegen Westen lief sie vom nämlichen Punkte aus, ging über den sogenannten Bethso gegen das Essenerthor zu, um sich dann in ihrem südlichen Verlaufe über die Siloahquelle hinzuschlängeln. (…)

(Flavius Josephus, De Bello Judaico, IV, 142-1145)

 

Dieter Vieweger:

Und die tiefste Schicht ist die, wo ich jetzt stehe, nochmal solche Toranlage, wieder mit solchen Türen usw., und das scheint mir das Essener-Tor zu sein oder es kann es gewesen sein. Hier habe ich den, da habe ich ja auch so nen Stein, es ist ein Bogen, hier habe ich den Bogen hierüber gehabt und bin jetzt in der untersten Ebene, also hierdrauf. Und das gehört ins zweite Jhdt. vor…

 

Das Essenerthor - für Theologen ein klingender Name. Im Viertel der Essener soll sich das letzte Abendmahl zugetragen haben. Und tatsächlich wird auf dem Zionsberg die Stätte des letzten Abendmahls Jesu verehrt. Jüdische Pilger verehren hier das Grab Davids.

 

Bibelgeschichtlich ist das Gebiet hoch interessant. Das fand auch ein weiterer Ausgräber in diesem Gebiet, ein Benediktinermönch der nahegelegenen Dormitio-Abtei, Pater Bargil Pixner. Er grub auf eigene Faust, in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Dabei suchte er mit einer Fülle von literarischen Quellen die Idee eines Essenerviertels auf dem Zion zu etablieren und stützte sich dabei auf das identifizierte Essenerthor und die Existenz einiger Mikwaot in der Umgebung, jüdische Ritualbäder, die er dem erhöhten Reinheitsbewusstsein der Essener zuschrieb. Dieses Essenerviertel sei in herodianischer Zeit entstanden und habe die erste judenchristliche Gemeinde hervorgebracht… Doch Pixner war Theologe, kein Archäologe. Seine Funde sind nicht dokumentiert und dort, wo er gegraben hat, sind nur mehr die Steine vorhanden. Ohne die begleitenden Funde und die Zuordnung in Siedlungsschichten lassen sie sich nicht datieren.

Der Archäologe Dieter Vieweger hat auch einen ganz pragmatischen Einwand gegen Pixners These: Keinesfalls belegt das Essenerthor zweifelsfrei, dass Essener auf dem Berg Zion gelebt haben. Vieweger ist überzeugt, dass das Tor vielmehr zu den Essenern führte, die im südlichen Bergland lebten, schließlich steht das bekannte Jaffa-Tor auch nicht in Jaffa, sondern in Jerusalem und führt nach Jaffa.

 

Ehepaar Heidenreich aus Potsdam hat bei der Grabung des Deutschen Evangelischen Instituts eine Menge über archäologisches Arbeiten gelernt. Nüchternes, konsequentes Arbeiten, das ein systematisches und wissenschaftlich verantwortetes Zuordnen der Befunde erst ermöglicht. Erlebt haben sie im Team, zusammen mit Professor Dieter Vieweger, was unbedingt dazugehört und Laien wie Wissenschaftler gleichermaßen antreibt:

 

Herr Heidenreich:

…wir sind eigentlich dann letztendlich mit der Vorstellung hingefahren - gut, ok, wir sind bessere Hilfsarbeiter. So. Und wo wir dann auf der Ausgrabung waren, wir waren 5 Frau Heidenreich: fünfzehn Herr Heidenreich: Freiwillige und ca. 25 Studenten, Aspiranten, Doktoranden, haben wir eine vollkommen andere Erfahrung sammeln müssen. Weil - wir sind in Teams eingegliedert worden mit den, praktisch, Fachleuten, wir haben dort von Anfang an alles getan, wir haben Schubkarre gefahren, wir haben Dreck abgefahren, wir haben gehackt - aber genauso wie das Dieter gemacht hat, also der Professor hat genau dasselbe gemacht wie wir. Und in den Teams waren wir dann so integriert, dass wir alle Arbeiten, die man sich so unter archäologischen Ausgrabungen vorstellt, also mit Pinseln, mit Spachtel und so aber auch grobe Arbeiten, ja Frau Heidenreich: auch mit der Spitzhacke Herr Heidenreich: auch mit der Spitzhacke! - haben wir alle gemacht und das hat uns absolut begeistert…

 

Teil eines Teams zu sein, mit wissenschaftlichem Hintergrund gemeinsam an einer Sache arbeiten. Das allein motiviert schon. Für manche Grabungsteilnehmer muss es dabei auch bleiben: durchaus harte Arbeit; Routine und Geduld, bei 40 Grad im Schatten.

 

Frau Heidenreich:

Man muss auch sagen, auch die körperliche Anstrengung, natürlich war die hoch. Vor allen Dingen die ersten Tage, bis man sich so dran gewöhnt hat. Aber ich könnte nicht einmal sagen, dass wir gesagt hätten nachmittags, ach hoffentlich geht die Zeit bald um. Herr Heidenreich: Nee… Frau Heidenreich: Im Gegenteil, überhaupt nicht und dann hatte mein Mann oder die in ihrem Sektor am letzten Tag das große Glück, da haben sie eine Zisterne gefunden, den Zugang zu einer Zisterne. Herr Heidenreich: Ja, das wird, es war Zufall. Es war Glück, dass ich dort in dem Sektor gearbeitet habe, ich hab dort mit einer Aspirantin gearbeitet, aus Leipzig, Dieter hat dann auch noch gefragt, traust du dir das zu, das freizupinseln und das freizuschaufeln und so und da hast du schon gemerkt, dass die Steine anders lagen, du kriegst dann das Gefühl dafür irgendwo - dass auch die Quersteine anders lagen und da haben wir ganz vorsichtig weitergemacht und dann war natürlich die Begeisterung groß Frau Heidenreich: Ja, die Begeisterung von allen, ne, da wurden auch alle Arbeiten eingestellt zum Gucken gehen. Herr Heidenreich: das ist natürlich dann, sag ich mal für uns Laien, das absolute Erlebnis, wenn man auch sowas mal findet.

 

Wer hat die Zisterne benutzt? Wie, in welchen Häusern haben die Menschen hier, dicht an der Stadtmauer, in Hanglage, gelebt? Die Archäologie bleibt nicht bei der Dokumentation ihrer Einzelfunde oder der Erarbeitung einer Chronologie stehen - sondern versucht, darüber ein Stück Lebenswelt der Menschen in ihrer Zeit zu erschließen...

 

Dieter Vieweger:

So, ich stehe in einem Raum der Byzantiner. Die omajadische Zeit war hier oben drauf, die ist jetzt komplett weg und in diesem Raum der Byzantiner, das war die Mauer, hab ich hier einen Fußboden, ging der Raum hoch und hab hier eine große Zisterne drin, eine wunderschöne Zisterne, noch voll funktionstätig, noch gar nicht zugeschüttet, die ist also bis zum letzten Tag ihrer Verschüttung benutzt worden. Und ist schön ausgeputzt. Der zweite Raum ist da und da seht ihr die Steine und die machen einen solchen Bogen. Und das war ein Stall, denn hier unten sind die Tränken drin, hier war das Futter für das Vieh, hier drüben kommt das Wasser raus. Und dort kommt der nächste Raum, der ist gepflastert, ist also wieder für die Menschen, der geht so hinter zu. Das heißt, die Menschen haben nicht in großen Häusern gelebt, sie haben in Häusern gelebt, die so stufenförmig hier hochgingen. Und diese Zisterne, die kannten die Leute auch noch in omajadischer Zeit, da haben sie dieses Gerümpelstein hier rumgemacht, haben dann von ihrem Fußboden ein Loch durchgegraben, so dass nicht immer der Dreck reinfiel. Die haben das hier offengelassen und haben dann immer Wasser geholt aus ihrer frühen byzantinischen Zisterne, ist also weiterverwendet worden. 

 

Frau Heidenreich: JA mir ging das so, wir hatten da an unsern Square da sehr viele Bodenmosaiksteine gefunden. Und da haben wir überlegt - was könnte das gewesen sein. War das jetzt die Küche, war das jetzt das Wohnzimmer… man hat sich das schon vorgestellt, wo könnte das im Haus gewesen sein. Es war sehr viel Mosaike und, ja, wenn man dann so mal wieder ein bisschen zusammensitzt ist das ja auch ganz interessant. Aber das ist schon so, man stellt da innerlich einen Bezug her oder man überlegt, ja wie war das denn.

 

Entscheidend ist die Reihenfolge - die Erkenntnis folgt aus dem Fund, nicht umgekehrt. Selbstverständlich ist das noch immer nicht. Der Benediktinerpater Pixner grub, um seine Theorie von einem Stadtviertel der Essener in Jerusalem zu bestätigen. Für ultraorthodoxe jüdische Gruppen ist die Grabung auf dem Zionsberg eine Herausforderung - sie sind überzeugt, auf dem heutigen Zionsberg liegt die Stadt und das Grab des Königs David. Und für sie ist es streng verboten, die Totenruhe zu stören. Der Name Zion scheint ihnen Recht zu geben, doch die Davidstadt lag nicht auf dem heutigen Zionsberg, sondern südöstlich davon auf einem kleineren Hügel. Das liegt an den Römern, die nach ihrem Sieg über Jerusalem den Hügel umbenannten und den höchsten Punkt der Stadt zum Berg Zion machten. Die Umbenennung der Römer ist ungeschichtlich, aber ultraorthodoxen Gruppen kaum zu vermitteln. Es bedurfte außerordentlicher Absprachen:

 

Dieter Vieweger:

Und dann gab es ein großes Treffen zwischen dem Oberrabbiner, der hierfür zuständig ist und mir, wir haben miteinander geredet und dann haben wir uns am Schluss die Hände gegeben und damit war besiegelt, ich darf das machen. Und die haben uns nie wieder angegriffen, die sind gekommen, wir haben die Vereinbarung gehabt, dass sie in alle unsere Eimer gucken können, das haben sie auch gemacht…

 

Sich in die Eimer gucken zu lassen, auch das gehört zu den Zielen dieser Ausgrabung. Während der Grabung, aber auch danach - denn jeder Fund ist nicht nur Gabe, sondern auch Aufgabe. Wissenschaft steht nicht für sich allein, sie sollte offen sein für alle Zeitgenossen - für Skeptiker und Interessierte, Kundige und Laien, Gläubige und Atheisten gleichermaßen. Eine Aussichtsplattform soll allen den Blick in die Vergangenheit ermöglichen, mit Schildern zur Erklärung und Führungen durch das Grabungsgebiet.  Bildung, das ist fester Bestandteil der Arbeit des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft. Zwischen den Kulturen und durch die Zeiten hindurch, diplomatisch - und zuweilen auch ganz pragmatisch. Mit Spitzhacke und Pinsel Gräben einreißen, Schutt wegräumen und Fundamente freilegen. Und mit Geduld und Enthusiasmus Brücken bauen und Lebensbilder entdecken, wie es war - und wie es sein könnte.

 

Dieter Vieweger:

…man darf nicht auf einer Seite stehen. Wenn man auf einer Seite steht, hat man die einen Türen offen und die andern komplett zu und es dauert so eben seine Zeit zu sagen: He Leute, ich bin jedermanns Freund, aber ich bin keinermanns Feind. Ich kämpfe nicht mit dir…

Also was wir machen mit der Schmidts Girl School, das hat sich sehr bewährt, mit der Schmidts Girl School machen wir in der 10. Klasse ja so jedes Jahr einen 6wöchigen Kurs, da gehen die, wir mit denen, durch die ganze Stadt: meine Stadt, meine Geschichte. Unsere 10. Klasse der Schmidts Girl School, die machen deutsches Abitur, arabische Mädchen, 15% Christen, die andern sind Muslime, mit denen gehen wir durch die ganze Stadt hindurch, wir gehen mit denen auch an die Westmauer, wir gehen mit denen natürlich auch in den Felsendom rein, also alles, auch die christlichen Städten, also sofern sie Muslime sind, haben die nie mit ihren 16 Jahren das jüdische Viertel betreten, die waren nie in der Grabeskirche... 

Und dann nach den 6 Wochen sind sie in der Lage, das ist faktisch wie die Prüfung dann dazu, ihre Schülerinnen aus der Schule durch die Gegend zu fahren und dann stehen die vor dem Felsendom und sagen: da wo der Felsendom ist, ist ja so auch der Felsen drunter den wir kennen, da ist der Mohammed, aber das war früher der jüdische Tempel. Und da war das der Brandopferaltar und dann stand der Tempel so ein bisschen westlich davon usw. und dann haben wir hier das Allerheiligste und deshalb ist hier die Kordel da unten usw.

Also diese Mädchen können dann auch unterscheiden und sagen:  die Juden waren hier zuerst, aber uns gehört das, weil... Paragraf soundso, Friedensverhandlungen mit Jordanien und der Berg ist so und so aufgebaut... Alles das gehört zur Wahrheit hinzu und da können die viel mehr als unsere großen Politiker aller Zeiten... Und ich finde, das ist die einzige Hoffnung, die ich habe, Aufklärung!

Es gilt das gesprochene Wort!

07.02.2019
Frank-Michael Theuer