Gelebte Barmherzigkeit

Rundfunkgottesdienst aus der Evang. Diakonissenanstalt Augsburg
Gelebte Barmherzigkeit
Rundfunkgottesdienst aus der Evang. Diakonissenanstalt Augsburg
17.03.2019 10:05
03.01.2019
Heinrich Götz
Über die Sendung

Barmherzigkeit als Gottesgabe ist Thema des Sonntags Reminiscere. „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit“ heißt der namengebende Psalmvers. Wie gelebte Barmherzigkeit aussieht und wo sie an ihre Grenzen kommt, wird im Gottesdienst aus der Augsburger Diakonissenanstalt in unterschiedlichen Perspektiven zur Sprache kommen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus den verschiedenen Bereichen wirken am Gottesdienst mit: Jochen Gässler (Pfleger), Dr. Michael Röhl (Anästhesist) und Oberin Christiane Ludwig, die Gebete von Kranken und Angehörigen aus einem Fürbittbuch liest. Prediger und Liturg in diesem Gottesdienst ist Rektor Heiner Götz. Er erzählt die biblische Geschichte vom barmherzigen Samariter und kombiniert sie mit einem 10-Punkte-Programm, was Gesundheits- und Pflegehandeln in unserer Zeit ausmacht. Julia Rieblinger gestaltet den Gottesdienst musikalisch mit Flötenmusik von Hans-Jürgen Hufeisen, die Orgel spielt Christiane Steinemann.

 

Es gibt viele Orte der Barmherzigkeit. In Augsburg ist es das „diako“, die Evangelische Diakonissenanstalt. Gegründet Ende des 19. Jahrhunderts gehören heute ein Krankenhaus, das Pflegeheim Pauline-Fischer-Haus, die Pflegeschulen und die Fachakademie für Sozialpädagogik dazu, außerdem ein Hotel, ein Restaurant und weitere Arbeitsbereiche.

 

 

Gottesdienst nachhören

 

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen
 

Liebe Gemeinde in unserer Mutterhauskirche,

liebe Hörerinnen und Hörer!

 

Barmherzigkeit ist ein schönes Wort. Erbarmen und Herz stecken da drin. Wärme und Bewegung. Ich habe die Kraft der Barmherzigkeit vor einigen Jahren hier in diesem Haus erfahren am eigenen Leib. Mit einer schmerzhaften Nierenkolik wurde ich ins Krankenhaus gebracht. Ein Stein hatte sich im Harnleiter festgesetzt und staute den Abfluss der Niere. Der Arzt legte eine dünne Ableitung. Schmerzmittel halfen nur wenig. Die Krankenschwester kümmerte sich liebevoll um mich, legte Windeln unter und sagte: „Lassen Sie alles laufen!“ Mir war das eher unangenehm. Aber Heilung war nicht anders möglich. Erst die Entfernung des Steins durch Zertrümmern brachte wirklich Entlastung. Es hat gut getan, von einer Schwester betreut und gepflegt zu werden, die sich auf meine Situation eingelassen hat. Sie konnte die Schmerzen einschätzen, mit mir empfinden. Ich selber konnte loslassen und darauf vertrauen in guten Händen zu sein.

Barmherzigkeit hat viele Facetten:

Sie ist tief verankert im christlichen Bewusstsein, in Geschichten, Liedern, im Kirchenjahr.

Sie hatte jahrhundertelang ein weibliches Gesicht.

Heute haben wir das Statement von zwei Männern gehört. Der Krankenpfleger, der stolz auf seinen Beruf ist und doch oder gerade deswegen an den Grenzen seiner Kräfte. Der Arzt erzählte von den Empfindungen, wenn Menschen sich ganz in seine Hände geben. Momente des Loslassens und des Vertrauens.

Wer Barmherzigkeit weitergeben will, braucht eine Kraftquelle, um nicht auszubrennen vor Erschöpfung. Barmherzigkeit kostet Kraft.

Sie ist eine starke Emotion – Es rührt mich in meinen Gedärmen, in meinem Innersten, so könnte man es übersetzen. Ich bin zutiefst bewegt, von dem, was meinem Gegenüber geschieht. Ich will mich ihm zuwenden und mich seiner Not annehmen.

Die Neurowissenschaften unterscheiden übrigens zwei Arten von Mitgefühl: Die eine ist die sogenannte Perspektivübernahme - sich in andere hineinversetzen, auch die Emotionen der anderen empfinden. Dabei weiß man aber, dass es nicht die eigenen Emotionen sind. Menschen, die dazu fähig sind, helfen effektiv und fühlen sich während des Helfens innerlich stark. Die zweite Sorte von Mitgefühl nennen die Forscher empathischen Stress. Bei dem Sich-Einfühlen empfindet man die Emotionen der anderen Person buchstäblich am eigenen Leib. Hat man es mit einem ängstlichen Menschen zu tun, wird man selbst ängstlich. Ist der andere voller Aggressionen, wird man auch selbst aggressiv. Ist der andere hilflos und verzweifelt, wird man davon angesteckt. So ein von seinen eigenen Gefühlen Gestresster ist für andere wenig hilfreich. Die beiden Arten von Mitgefühl finden in unterschiedlichen Regionen unseres Gehirns statt. Bei der Perspektivübernahme ist vor allem die relativ langsam arbeitende Region hinter unserer Stirn aktiv – dort, wo auch das Ichbewusstsein zu Hause ist. Wird dagegen jemand vom anderen in das stressige Mitgefühl versetzt, vollzieht sich das in einem blitzschnell reagierenden Bereich tief im Inneren des Kopfes – genau die Stelle, in der der mitfühlende Mensch auch seine eigenen Schmerzen empfindet, sozusagen die Alarmanlage seines Gehirns.

Das Gleichnis vom Samariter und das deutliche Zeugnis unserer beiden Profis, Arzt und Pfleger sind ein Plädoyer für dieses langsam arbeitende Mitgefühl, das möglich macht, auch Distanz zu wahren. Und handlungsfähig zu bleiben!

Barmherzigkeit lebt genau davon.

Heute scheint sie aber auch an Ansehen verloren zu haben.  In unseren Tagen wird diese Haltung lächerlich gemacht. Der Ausdruck „Gutmensch“ ist plötzlich ein Schimpfwort geworden. Menschen, die helfen, ohne für sich einen Vorteil daraus zu ziehen, werden belächelt. Doch wenn die Kritiker selber in einer Situation geraten, in der sie krank oder hilfsbedürftig werden, dann ist für sie das Beste gerade gut genug. Dann pochen sie auf ihren Anspruch an Unterstützung. Sie wünschen sich Barmherzigkeit für sich selber. Ob sie diesen Wunsch dann auch mit Gott in Verbindung bringen?

Erbarmen, Gnade, ein Herz für einen anderen haben. Der Predigttext aus dem Johannesevangelium setzt noch viel früher an. Er beschreibt die Wurzel aller Barmherzigkeit. Gottes Liebe zu den Menschen.

 

16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

18 Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.

19 Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.

20 Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.

21 Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.

 

Alles Erbarmen hat seinen Grund in Gott. Es ist sein Wesen, ein Stück von Gott in der Welt. Gott liebt diese Welt. Gott ist der Mensch so wichtig, dass er selber Mensch wird. Jesus begibt sich hinein in alles Menschliche. In Dunkelheit, Elend, Not, Existenzangst. Ihm ist nichts Menschliches fremd. Er wird abhängig von der Barmherzigkeit der Menschen und trägt immer wieder diesen kostbaren Schatz hinein in die Welt, um sie zu retten. Ich verstehe das Gleichnis vom Samariter auch so:

Jesus erzählt es, damit wir Menschen wahrnehmen, wie die Barmherzigkeit Gottes sich jedem und jeder einzelnen zuwendet. Egal ob in großer Not, in Lebensgefahr oder auch im ganz normalen Alltag. Wir Christen können diese Zuwendung Gottes in unserem Alltag in unserer Gesellschaft dadurch sichtbar machen, dass wir mit den Menschen barmherzig umgehen.

Martin Luther beschreibt es so: Gute Werke machen noch keinen guten Menschen. Aber ein guter Mensch tut gute Werke. Die Werke der Barmherzigkeit sind die Klammern im Miteinander. Sie sind der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammen hält.

„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“, zeigt auf, dass nur im Miteinander, in der Selbsthilfe und der Nächstenliebe Leben gelingt.

Ich wünsche mir sehr, dass in der Wahrnehmung von Gottes Liebe zu den Menschen auch die Liebe zueinander wächst. So haben Angstmacher und Machtmenschen keine Chance das Miteinander zu gefährden. Wie kommt das Heil Gottes, seine Barmherzigkeit zu den Menschen?

Durch tätige Nächstenliebe.

Danke, dass so viele von Ihnen dazu beitragen mit ihrem Leben.

Amen

Es gilt das gesprochene Wort!

 

03.01.2019
Heinrich Götz