Blickwechsel

Rundfunkgottesdienst aus der Thomaskirche Kiel-Schulensee
Blickwechsel
Rundfunkgottesdienst aus der Thomaskirche Kiel-Schulensee
06.01.2019 10:05
13.12.2018
Anke Wolff-Steger
Über die Sendung

Die drei Weisen auf ihrem Weg zu einem jüdischen König – so haben es die Sterne ihnen gewiesen. Eine Begegnung auf Augenhöhe sollte dieser Staatsbesuch werden. Und sie endet mit einem Blickwechsel: Aus der Augenhöhe wird ein Niederknien. Die Weisen steigen ab von ihrem hohen Ross, bücken sich, fallen nieder um Gott zu begegnen. Das Thema Blickwechsel zieht sich durch den Gottesdienst aus der Schulenseer Thomaskirche.

 

Auf einer Anhöhe ragt die Thomaskirche wie eine Arche aus der hügeligen Landschaft hervor. Der Baumeister Otto Andersen wollte ein für seine Zeit modernes Bauwerk schaffen. Ein wichtiger Schwerpunkt der Gemeindearbeit ist die Kirchenmusik – der Thomaschor wird im Radiogottesdienst genauso singen wie der Kinderchor unter der Leitung der Kantorin Sabine Seifert. Außerdem kommen Gemeindemitglieder mit Geschichten zum Thema Blickwechsel zu Wort sowie verschiedene Sprecherinnen und Sprecher aus dem Gottesdienst-Team der Gemeinde – auch in der Predigt, die Pastorin Anke Wolff-Steger halten wird.

 

 

Gottesdienst nachhören

 

Den Gottesdienstmitschnitt finden Sie auch direkt unter http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=122

Predigt zum Nachlesen
 

Liebe Gemeinde!

 

 „…sie fielen nieder und beteten es an“, die Weisen aus dem Morgenland das Kind in Bethlehem.

 

„Es war ein Besuch auf Augenhöhe“, ist zu hören, wenn ein Staatsbesuch harmonisch verläuft –

wenn es keine weiteren spektakulären Ereignisse gab.

Alles hat nach dem Protokoll geklappt. Wenn einer fallen würde, dann wäre das schon ein starker faux pas.

 

Auf Augenhöhe begegnen sich Präsidenten, Regierungschefs in der EU.

Keiner soll sich unterordnen – auch wenn dies faktisch geschieht, weil das eine Land doch abhängig ist vom Rettungsschirm des anderen. Ja, ein Küsschen – rechts links – Das darf schon sein, wenn es Sitte in anderen Ländern ist – aber auf Augenhöhe.

Man sucht sich seinesgleichen aus. So bleibt man auf Augenhöhe.

 

Wenn ein Staatspräsident Armenviertel besucht, dann begegnen sich da nicht Menschen auf Augenhöhe – nein, keine bedeutende und unerwartete Zuwendung eines von Da-Oben zu denen, die unten sind.

Sie fallen nicht nieder, um die da unten anzubeten.

Einen „Besuch auf Augenhöhe“ würde man es nicht nennen.

 

 

Eine Begegnung auf Augenhöhe sollte der Staatsbesuch

der Weisen aus dem Morgenland werden.

Sie suchen den neugeborenen König der Juden.

 

Eine besondere Sternkonstellation weist Ihnen den Weg nach Juda, eine Sternkonstellation, die man für das Jahr 7 vor der Zeitrechnung nachweisen kann.

Eine besondere Konjunktion, die nur alle 250 Jahre zu sehen ist.

Es gibt heute noch Dokumente, die dies bezeugen.

 

Die Weisen aus dem Morgenland haben dies beobachtet und machen sich auf den Weg.

Magoi apo anatole heißt es Griechisch, in der Sprache des Neuen Testaments. Übersetzen wir es mal: „Magier aus Anatolien“ – aus dem Osten. Magier sind Sterndeuter gewesen, Wissenschaftler ihrer Zeit, die am Hofe der Könige in Babylon und anderen Königshöfen wissenschaftliche Berater waren.

Diese Sterne hatten in Babylon den Rang von Gottheiten.

Diese Götter hatte man in Israel unter den Juden schon längst abgeschafft. Und nun kommen die Repräsentanten dieser Sternenmächte, kommen durch einen Stern geführt.

Sie kommen aus diesen Ländern des Ostens, aus Anatolien. Wir sehen sie meisten auf Kamelen oder Dromedaren reiten, jedenfalls auf kostbaren Tieren – nicht auf einem Esel, dem Lasttier der Armen.

Die Magier suchen einen Königssohn in Juda, sie suchen einen jüdischen König, darauf wies die Sternkonstellation sie hin.

Der Weg weist sie nach Jerusalem, denn dort ist der Palast des Königs von Juda: Herodes der Große.

 

Könige wollen Königen begegnen.

 

Also verweist der König Herodes die Sterndeuter an seine Minister, die Schriftgelehrten.

Begegnung auf Augenhöhe: Die Berater des Herodes begegnen den Beratern von den Königshöfen aus dem Morgenland, aus dem Osten.

Die Schriftgelehrten weisen ihnen den Weg nach Bethlehem.

 

Und dort geschieht die eigentliche Begegnung, die alles verändert. Jetzt ist es keine Begegnung mehr auf Augenhöhe. Es ist ein totaler Blickwechsel, der erfolgt.

 

 

Ein totaler Blickwechsel: Sie fallen nieder, die Weisen.

Um auf Augenhöhe zu kommen.

 

Gott ist nicht in den Sternen, nicht im Palast in Jerusalem, er ist keiner aus der Königs-Familie des Kinderschlächters Herodes.

Man muss niederfallen in diesem Stall in Bethlehem, um dem Königskind zu begegnen, weil Gott herniedergekommen ist.

Die Magier fallen nieder, um das Kind anzubeten, ihm zu huldigen.

Augenhöhe mit dem Kind, dem Messias, erhalten sie erst, als sie sich bücken, tief bücken, ihren Blick wechseln.

Ein Blickwechsel ist angesagt.

 

Eine meiner ersten Weihnachtspredigten hielt ich in der St. Thomaskirche in Berlin-Kreuzberg.

Es waren dort viel Punks zuhause, die sehr aktiv in der Hausbesetzerszene waren. Sie kamen oft auch Heilig Abend in den Gottesdienst. Da es schon spät war, waren sie nicht so recht bei der Sache und es wurde auf den hinteren Bänken immer lauter. Ich, frisch ordinierte junge Pastorin, predigte vom Kind in der Krippe, geboren am Rande der Gesellschaft, wich von meinem Konzept ab als es immer lauter wurde und sprach sie direkt an: „Es geht doch um Euch, die ihr am Rande der Gesellschaft steht…“ „Wieso am Rande der Gesellschaft?“, brüllte einer von hinten, wir stehen im Zentrum der Bewegung.

 

Und ich dachte plötzlich: Wir, die wir uns am richtigen Orte fühlen, an unserem Platz, sind vielleicht gar nicht am rechten Platz?

Merken nicht, dass um uns herum, außen, bei denen, die wir gern als Randständige bezeichnen – Gott viel eher zuhause sein will.

 

Der Menschensohn ist gekommen zu suchen und selig zu machen, was verloren ist,

wird Jesus später sagen.

Das eine verlorene Schaf liegt Jesus am Herzen – mehr als die 99, die meinen am rechten Ort zu sein.

Den Weisen wird ein Blickwechsel zugemutet, sie müssen ihren Ort, wo sie zuhause sind, verlassen. Um auf Augenhöhe zu kommen mit dem Messias, mit dem Gott der Bibel – ist Bücken, tief Bücken nötig.

 

Als sie den Stern sahen,

wurden sie hocherfreut

und gingen in das Haus

und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter,

und fielen nieder und beteten es an

und taten ihre Schätze auf

und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

 

So verhalten Herrschende sich nicht, sie gehen nicht in die Knie, fallen nieder…

Die Weisen aus dem Morgenland legen ihre Schätze dem Kind zu Füßen.

Was für ein Bild?

Was für eine Szene?

Die Heidenvölker huldigen dem jüdischen Kind in Bethlehem.

Die religiösen Mächte der Völker, die die Sterne anbeten, diese wie Götter verehren, beten nun das Kind an – den Sohn des einen Gottes Israels.

 

 

Später wurden aus den Weisen Könige gemacht.

Auf den Bildern des Mittelalters sind aus den Weisen die Heiligen drei Könige geworden, die Zahl der Könige wohl abgeleitet aus den drei Geschenken, die sie bringen.

Mit den Sterndeutern bückten sich die religiösen und wissenschaftlichen Führungsmächte der Heiden vor dem Kind, mit den Königen sind es nun auch die gesellschaftlichen und politischen Kräfte, die Herrschenden.

Sie kommen angeritten auf diesen mittelalterlichen Gemälden, müssen absteigen von ihrem hohen Ross, sich bücken, niederfallen, um Gott zu begegnen.

 

Selten sieht man alle drei gleichzeitig knien.

Sie kommen hoch zu Ross, steigen herab vom Pferd und fallen nieder.

Zwei stehen in der Regel: Ihr aufrechter Stand wahrt ihre Hoheit.

Einer von ihnen geht in die Knie – und die anderen werden sich auch noch beugen, der Kontrast der Stehenden zum Knieenden zeigt das unerhörte Ereignis.

Sie gehen in die Knie, die gesellschaftlich Mächtigen.

 

Die Weisen aus dem Morgenland haben einen Blickwechsel vorgenommen.

 

Sie haben vor diesem Kind ihre Knie gebeugt, und dem Kind in der Krippe alle Schätze der Erde zu Füßen gelegt, damals war das Weihrauch, Myrre und Gold.

 

Dieses Bild bleibt bei mir hängen: Die Wissenschaft dieser Welt, das, was Macht hat, kniet nieder vor diesem Kind und damit vor allen Kindern, um ihnen all den Reichtum dieser Welt zu Füßen zu legen, zu schenken.

Die Verhältnisse werden komplett umgekehrt.

 

Die Mächtigen teilen den Reichtum aus, den sie haben.

Teilen ihn mit einem Kind.

Was für eine Zukunft für uns, nein, was für eine Gegenwart schon jetzt, wenn das geschieht.

Wenn wir all unser Wissen, all unsere Kraft, all unser Reichtum all unseren Einsatz den Kindern dieser Welt zu Füssen legen. Nicht nur den Kindern, die schon alles haben, nein, gerade denen, die an so abseitigen Orten leben müssen, wie Jesus eben auch damals.

 

Beth-le-chem heißt übersetzt Haus des Brotes.

Das soll es werden, diese Welt, in die Gott seinen Sohn gesandt hat: ein Haus des Brotes.

 

Gott lässt sich finden in diesem Stall in Bethlehem.

Er schenkt uns eine andere Lebensordnung, eine neue Weltordnung:

Eine Ordnung des Friedens, wo die Wissenschaft der Welt, all die, die Macht und Verantwortung haben, sich vor den Kindern dieser Welt verbeugen, um ihnen all die Schätze der Welt, all unser Wissen, all unseren Reichtum zu Füßen zu legen.

 

Wir müssen uns nur tief genug bücken, so ist Gott zu finden, zu finden in dem Stall in Bethlehem. So lasst auch uns aufbrechen, wie die Hirten, wie die Weisen aus dem Morgenland und den Kindern dieser Welt all die Schätze der Schöpfung, die Gott gemacht hat, zu Füßen legen.

Dann wird Frieden kommen.

AMEN

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

13.12.2018
Anke Wolff-Steger