Vom Heiligen im Unheiligen

Das Pippilottaprinzip
Villa Kunterbunt

Gemeinfrei via wikicommons

Über die Sendung:

Pippis Mutter ist tot, der Vater auf und davon. Die Welt ist nicht heil bei Astrid Lindgren. Aber ihre Geschichten heilen. Es sind Rettungsgeschichten, Alltagsauferstehungen: „Ich will für Leser schreiben, die noch Wunder erfinden können.“ Wie wird Unheiliges heil? Und wie aus der Wunde das Wunder?

 
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Mein Meerschweinchen ist tot. Trump ist immer noch Präsident. Der Kerl im Café telefoniert so laut, dass ich einen Presslufthammer herbeisehne. Nur um ihn nicht mehr zu hören. Das Leben ist kein Heimatroman. Gott scheint gerade Karten zu spielen, jedenfalls unternimmt er nichts. Fromme Leute geben zu bedenken, dass das alles ja auch gar nicht Gottes Sache ist, sondern Menschenwerk. Bis auf die Sache mit dem Meerschwein vielleicht, aber Meerschweinchen mögen keine Zugluft, und ich will nicht ausschließen, ein oder zweimal das Fenster etwas weit aufgerissen zu haben. Aber es gibt genügend andere schlimme Dinge, bei denen ich an meine Grenzen komme. Als Mensch. Krieg. Hunger. Klimawandel. Könnte Gott da nicht ein bisschen intervenieren? Tut er aber nicht. Der Garten Eden scheint ein für alle Mal geschlossen zu sein. Warum? Ist Gott ein Ohnmächtiger oder ein Zyniker?

 

 

Außerhalb der kleinen, kleinen Stadt lag ein alter verwahrloster Garten. In dem Garten stand ein Haus, und in dem Haus wohnte Pippi Langstrumpf. (…) Neben der Villa war ein anderer Garten und darin ein anderes Haus. In dem Haus wohnten ein Vater und eine Mutter mit ihren beiden netten Kindern, einem Jungen und einem Mädchen. Der Junge hieß Thomas und das Mädchen Annika. (…) Als sie gerade überlegten, was sie anfangen sollten und ob heute vielleicht etwas Interessantes passieren würde, oder ob es so ein langweiliger Tag werden würde, wo einem nichts einfiel, gerade da wurde die Gartentür zur Villa Kunterbunt geöffnet, und ein kleines Mädchen kam heraus. Es war das merkwürdigste Mädchen, dass Thomas und Annika je gesehen hatten, und es war Pippi Langstrumpf. (1)

 

Das Paradies ist ein alter, verwahrloster Garten, in dem die Freiheit wartet. Sie ist wild, unberechenbar und verrückt. Sie verrückt Grenzen. Als „Pippi Langstrumpf“ erschien, entfachte sie einen Sturm der Entrüstung. Nicht bei allen, aber bei jenen, denen ihre Freiheit zu viel des Guten war. Zu wild. Zu radikal. Ein Mädchen, das tut was es will, sei „demoralisierend“ und „gesellschaftsschädigender Schund“. Pippi sei „etwas Unbehagliches, das auf der Seele kratzt.“ (2)

Wie Gott.

Schon klar, Pippi Langstrumpf ist nicht Gott. Aber kann sein, dass Gott ein bisschen wie Pippi Langstrumpf ist. Wild. Frei. Unberechenbar. Einer, der auf der Seele kratzt.

Meistens soll Gott nett sein. Einer, der tröstet und die Dinge ins Lot bringt. Früher durfte er auch zornig sein und beängstigend, aber die Zeit ist vorbei. Nicht, dass ich ihr nachtrauere, aber nur lieb ist auch keine Lösung. Die Geschichten, die ich von Gott kenne, sind verstörend. Mal ist er der große Schöpfer, dann wieder will er alle vernichten. Mal ist Jesus der verständnisvolle Hirte, mal blafft er die Leute an und schwingt die Peitsche. Und auch Gottes Auserwählte sind sonderbare Charaktere. David, der Ehebrecher. Mose, der Totschläger. Maria von Magdala, angeblich eine Prostituierte. Hiob dagegen, dem Mustersohn der Menschenkinder, nimmt Gott alles weg. Gerecht ist das nicht. Und nachvollziehbar schon gar nicht. Hiob hält trotzdem an Gott fest. Ich auch. Weil ich jemanden will, der auf meiner Seele kratzt. Ich mag auch Wollpullover auf der Haut. Die fühlen sich echter an als Microfaserzeug.

 

 

Ich glaube nicht, um auf der sicheren Seite zu stehen. Ich glaube nicht, weil ich Angst vor dem Tod habe. Die habe ich tatsächlich, genauer gesagt: Ich habe Angst vor dem Sterben. Was das Totsein betrifft, bin ich pragmatisch. Es wird sich herausstellen ob ein Himmel auf mich wartet. Wenn es so ist, wäre es ein Hauptgewinn. Wenn da nichts ist, kriege ich es nicht mit und brauche mich nicht zu grämen.

Ich glaube an Gott, weil es mich reizt. Weil ich es aufregend finde, von einer Kraft berührt zu werden, die über mich hinausgeht. Manchmal blitzt sie auf. Einen anderen Grund kann ich nicht nennen. Nichts Vernünftiges, nichts Pragmatisches. Nur dieses Gefühl, das berauschend ist. Wie Verliebtsein ohne verliebt zu sein. Es ist nicht ständig da. Manchmal herrscht wochenlang Funkstille, und ich zweifle an meinen Sinnen. Dann vertraue ich auf die anderen. Die, die gerade nicht zweifeln. Gemeinschaft der Heiligen.

Als Heiliger musst du nicht zwei Tote auferwecken und allem Sex entsagen. Heilige sind keine auserwählten Superhelden. Heilige brauchen kein Gold. Was heilig ist, gehört zu Gott. Und da Gott jeden Erdenmensch und jede Lupine geschaffen hat – egal, ob in sieben Tagen oder in sieben Millionen Jahren – gehört alles zu Gott. Und alle. Wir sind heilig. Die Erde ist heilig. Glauben ist kein Deal zwischen Tun und Ergehen: Fünf Vaterunser für eine zwei in Mathe, lebenslanger Transfair-Café für eine unsterbliche Seele, vegane Milch fürs Karma. Ich glaube nicht, dass Gott ein Buchhalter ist. Ich glaube, es geht ums Sehen. Ich übe, die Welt mit anderen Augen zu betrachten. Das Heilige zu entdecken.

Wer das versucht, kann eigentlich keine Henne in winzigem Käfig halten. Kann nicht ernsthaft darüber diskutieren, ob man Menschen vorm Ertrinken rettet. Kann all das nicht, weil in allem Gott drin ist.

Das ist übrigens nicht romantisch. Nur für den Fall, dass es so klingt. Es ist ganz fürchterlich. Weil dann auch in dem stinkenden Kerl in der U-Bahn Gott drin ist. In dem hassverzerrten Rechten und seinen verachtenden Parolen. In einer Steuerbetrügerin, in dem Typ, der mich gestern „Fotze“ nannte, völlig aus dem Nichts. Glauben heißt, das Heilige in ihnen zu sehen, ohne ihr Handeln zu entschuldigen. Es heißt, noch etwas anderes zu sehen. Und das ist furchtbar unbequem und eine Zumutung obendrein.

 

 

Pippi Langstrumpf macht die Welt, wie sie ihr gefällt – aber der Rest der Welt ist ihr nicht egal. Die Menschen, die Astrid Lindgren Weltflucht und Eskapismus vorgeworfen haben, haben Pippi nicht ordentlich gelesen. Sie ist das genaue Gegenteil der Selbstachtsamkeitsjünger und Happiness-Gläubigen. Pippi hat eine klare Vorstellung, wie die Welt sein soll, nämlich frei. Und diese Freiheit soll nicht nur für sie gelten, sondern für alle. Kein Spekulant soll den Bewohnern ihre Häuser wegnehmen. Kein Bauer darf seine Tiere quälen. Kein Erpresser darf zahnlose Alte schikanieren. Jeder und jede hat das Recht, unbeschadet zu bleiben. Dafür setzt sie sich ein, manchmal hintersinnig, manchmal ironisch, manchmal absurd. Und wenn gar nichts hilft, dann, aber auch erst dann mit körperlicher Kraft. Freilich nicht ohne dass Astrid Lindgren Pippi ein vernünftiges Wort an einen Hai, zwei Einbrecher und an das furchteinflößende Fräulein Rosenblom richten lässt.

 

„Wenn ich jemals beabsichtigt hätte, die Figur der Pippi zu etwas anderem als der Unterhaltung meiner jungen Leser dienen zu lassen, so wäre es dieses: Ihnen zu zeigen, dass man Macht haben kann, ohne sie zu missbrauchen. Denn von allen schweren Aufgaben des Lebens scheint mir das die allerschwerste zu sein. Überall wird Macht missbraucht. Jeder spielt sich als Herr auf, wo er nur kann. Das beginnt in der Kindheit und geht weiter bis zu denen, die Länder regieren. Pippi aber besitzt die Gabe, richtig damit umzugehen. Sie ist mächtiger als jedes andere Kind auf der Welt und wäre durchaus imstande, eine Schreckensherrschaft über Kinder wie über Erwachsene ihrer Umgebung auszuüben – aber tut sie das? Oh nein! Sie ist einfach nur freundlich, hilfreich und großzügig, und drastische Maßnahmen ergreift sie nur, wenn es unumgänglich notwendig ist (...) Pippi ist auch ein Despot, aber (…) sie ist der Herrscher mit guten Absichten.“(3)

 

Als Kind war mir Pippi Langstrumpf ein bisschen suspekt. Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Klar, fand ich ihre roten Zöpfe lustig und den geringelten Strumpf auch. Und wer kann das schon – ein Pferd hochheben! Aber da war auch die andere Seite: Pippi war wild und unberechenbar. Manchmal unverständlich und so eigensinnig, wie es eigentlich nicht erlaubt war. Vor allem machte mir ihr Alleinsein Angst: Mama tot, Papa abgehauen. Der Karriere wegen. Südseekönig wird man eben nicht alle Tage. Wie Pippi dort allein in ihrer großen Villa lebte, nur mit Affe und Pferd, das hatte auch etwas sehr Trauriges. Eine Einsamkeit lag darin, die ich als Kind erahnte und vor der ich Angst hatte. Was wäre, wenn ich auf einmal selbst allein dastünde und kein Pferd und keinen Affen und schon gar keine Superkräfte an meiner Seite hätte? Astrid Lindgren hat diese Angst nicht weggeredet. Auch in ihren anderen Büchern taucht sie auf. Immer wieder geht es um einsame Kinder. Der Tod spielt eine Rolle, die Armut und der Schmerz. Das Leben eben. Sie mutet es ihren Leserinnen und Lesern zu.

Es gibt Leute, die auch in der Bibel nur die schönen Geschichten lesen wollen. Das halbe Leben. Die Psalmen mögen bereinigt werden um den Zorn und die Verzweiflung und die Schuld und den Schmerz. Aus der Welt sind sie damit aber nicht.

 

„Arme Kinder! Ich finde, daß ihre Geschichten regelrecht erstickt sind unter Eichhörnchen, die reden, aber nichts von sich geben können, was den Leser schaudern, lachen oder weinen läßt! Das Lesen sollte Kindern nicht nur Vergnügen bereiten, sondern es sollte sie ganz allgemein in Erregung versetzen. Denn sie brauchen Aufregung, und wenn sie weder übersensibel noch krank sind, verstört sie eine solche Lektüre auch nicht, sondern läßt sie friedlich und ohne Alpträume schlafen.“ (4)

 

Astrid Lindgrens Bücher gaukeln nie eine heile Welt vor. Aber ihre Geschichten heilen. Weil sie zeigen, dass Schmerz und Traurigkeit kein Problem Einzelner sind und auch kein Problem von Verlierern. Niemand braucht sich dafür zu schämen.

In den Augenblicken der Trostlosigkeit passiert etwas, das die Wende ankündigt: Unter dem Bett ruckt es, und Nils Karlsson-Däumling tritt hervor, oder Herr Lilienstengel steht plötzlich in der Stube. Traumfiguren sind sie alle, aus Phantasie und Mangel geboren. Sie helfen, retten, erfüllen Wünsche. Sie wecken die Einbildungskraft, wie eine heile Welt aussehen könnte.

 

Solche Bilder braucht der Mensch. An dem Tag, da die Phantasie der Kinder nicht mehr die Kraft besitzt, sie zu schaffen, an diesem Tag verarmt die Menschheit.“ (5)

 

Als Glaubende würde ich die Kraft, die solche Bilder erschafft, „Heilige Geistkraft“ nennen. Möglich, dass der Unterschied gar nicht groß ist.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Literaturangaben:

(1) Astrid Lindgren, Pippi Langstrumpf, S. 8-14

(2) John Landquist, Artikel über Pippi Langstrumpf im Aftonbladet am 18.8.1946

(3) Sybil Gräfin Schönfeldt, Astrid Lindgren, S. 73

(4) Sybil Gräfin Schönfeld, Astrid Lindgren. S. 93 f

(5) Astrid Lindgren, Deshalb brauchen Kinder Bücher, S.14/15 oder: Die Welt, 29.1.2002, Nachruf für Astrid Lindgren


 

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