Träume deinen Traum

Klaus Hoffmann über Glaube, Liebe, Hoffnung
Am Sonntagmorgen

© Malene

Über die Sendung:

Singen, woran er glaubt, und zugleich ein bisschen ungläubig bleiben, das wollte Klaus Hoffmann, seit er 1968 zum ersten Mal mit eigenen Liedern in Berlin auftrat. Jetzt blickt er zurück, aber hört auch nicht auf, nach vorn zu schauen.

 
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Es war der Anfang der Legende

Von dem Glück ganz ohne Ende

Dass wir träumten

Dafür war das Kino da

 

Wir hockten auf den Gleisen

Kriegskinder, Vaterwaisen

Der Zug kam selten

Doch wir waren immer da

 

Mit dieser Maske, die Gesicht hieß

Einem Schweigen, das dich nie verließ

Auch wenn wir lebten, wir spürten es nicht

Vergiss nicht, wo du her bist

Vergiss nicht, wer du bist

Vergiss nicht, was gut ist und was nicht.                                                                  

 

Er kommt aus einer ärmlichen Ecke in Berlin-Charlottenburg und hat heute sein Büro in einer Nobeletage am Kurfürstendamm. Er war der schmale Jüngling mit blonder Mähne, der den Edgar spielte in Plenzdorfs Werther. Jetzt ist Klaus Hoffmann 67, breiter geworden natürlich, zwischen Nase und Kinn ziehen sich sensible Falten. Vor zwei Jahren war ihm nach Rückblick zumute. Da hat er ein Best-Of seiner Lieder produziert, unter dem Titel: „Glaube, Liebe, Hoffmann“. Dazu will ich ihn befragen. Doch Klaus Hoffmann ist jetzt in Aufbruchsstimmung. Er geht wieder auf Tour. „Aquamarin“ heißt sein neues Album. Aquamarin, das ist der Stein der Seeleute, der Glück auf dem Meer und in fremden Welten verspricht. Von einem Aquamarin hat er geträumt und dazu neue Lieder geschrieben, die von seiner alten Sehnsucht erzählen: dem vollen, ehrlichen Lebendigsein. So wie es am Anfang war, in der Kindheit: „Vergiss nicht, wo du herkommst, vergiss nicht, wer du bist.“ singt er. Und so blicken wir denn doch noch einmal zurück auf die zwiespältigen Kindheitsgefühle in der Nachkriegszeit. Da gab es nicht nur den „Traum vom Glück ganz ohne Ende“, sondern auch das „Schweigen, das dich nie verließ“. Das Gefühl, dass es nicht stimmte mit der Welt der Erwachsenen. Raus wollte Klaus Hoffmann wie so viele in seiner Generation aus der Enge, die überall zu spüren war:                                                                                                                                     

 

 

 

                                                                

„Ich hatte sehr verkleisterte Bilder, meinte aber immer schon an sich ganz konkret die deutsch-deutsche Erziehung. Also, das deutsche Reck. Die harte, strenge, fast faschistische Überbleibsel aus diesen Kriegen und alles, was ich unter negativ zu verzeichnen hatte, ja.“

                                                                                                      

Zu den Studierenden, die den Aufstand an der Uni probten, gehörte er nicht. Er war Lehrling, als die 68er-Bewegung anfing – ein Lehrling mit Gitarre allerdings, der schon immer mal eigene Lieder schrieb und sich dann auch in die Clubs traute, wo die Studenten waren:

 

„Ich mochte Berlin auch in dieser ganzen Bewegung der 68er allerdings mit so‘nem eigenen Wesenszug der – ich gehör da nicht zu – ne Fahne sagt mir gar nichts, Ideologien stehen mir fern, aber irgendwie will ich dran teilnehmen. (….) Und bin dann also in dieser Aufbruchsidee nach irgendwo und dann Goa und dann Afghanistan dann aufgebrochen.“                                                                                     

 

Es wurde keine Reise in die große Freiheit, aber immerhin die Erfahrung, dass er das konnte: Aufbrechen, allein fertig werden, die Ungewissheit aushalten. Denn weg zu wollen, bedeutete ja noch lange nicht zu wissen, wo‘s lang geht:                                                      

 

„Ich hatte nur die Hippies und wäre gerne einer geworden, aber das war auch ein verkleistertes Bild. Was war das: Hippy war bunt, Sex ohne Ende, und es geht uns nur gut und kein Geld und damit sind wir unterwegs.“                    

 

Eher skeptisch blickt Klaus Hoffmann jetzt auf diese Jahre zurück, in denen es bloß ums Rauswollen ging. Es ist ihm wichtiger, das Kind nicht zu vergessen, das er mal war – das Kind, das in der Nachkriegszeit aufwuchs und bei aller Enge und Unsicherheit doch auch die Werte für sich entdeckte, die ihm Halt und die Kraft gaben für den eigenen Weg.          

 

„Vergiss nicht, wo du her bist, ist an sich n Anstoß, auch an diese Zeit der Wertigkeit – also, dass die Werte in dieser Zeit, die ich mir selber baute: Darfst nicht klauen, darfst nicht jemanden bescheißen – moralische Werte wie: Es gibt was, woran du glauben kannst, es gibt etwas außerhalb von uns und so – das hab ich mir zusammengebaut – na, wie‘n Ausländer – das find ich an sich n ganz gutes Bild (…) Das heißt, ich holte mir auch Werte, ich nenn das mal so von einem Lehrer, den jeder von uns riecht, dass er da was kriegen kann, egal, wie verstellt die in dieser Zeit noch waren.“     

 

Vorbilder fand er bei den weniger Angepassten in seiner Umgebung. Misstrauisch blieb er, wenn es um die hergebrachten Autoritäten ging. Auch zur Kirche wollte er auf Distanz bleiben. Dabei war ihm die Religion nicht egal.

 

„Glaube – erst in den letzten Jahren bekenn ich mich zu diesen Vokabeln, die im Grunde das Wort Hoffnung implizieren. Aber ich wusste es nicht so genau. Jetzt bin ich nur schon so alt, dass ich nicht mehr so viel Zeit habe, da immer um den heißen Brei rumzugehen. Ich glaube schon – das find ich schon n ganz guten Arbeitstitel. Und kindlich gesehen, (..) da war das ne ganz naive Sicht einer Macht, die ich in mir parkte, damit‘s mir nicht zweifelnd noch schlechter geht. Also, wenn du zweifelst, gehts dir ja schlecht – du musst ja an irgendwas festmachen. (…) Und dieses Selbstvertrauen basiert auf Erfahrung und Dingen, die ich mir abgeguckt hab, aber letzten Endes muss es da n Kern geben, an den du auch glaubst, wenn das alles fehlt – das ist n bisschen kompliziert, aber es ist so.“                    

 

 

Dein alter Traum vom freien Leben

Die Sicherheit, allein zu sein

Die Sehnsucht, einfach wegzugehen

Der Wunsch, zu Haus zu sein

 

Du läufst nochmal die alten Straßen

Bist wieder Kind

Kannst nicht lassen

Trudelst wie im Wind

 

Und im Gepäck die guten Lieder

Vom Baum der Wahrheit einen Ast

Irrst du umher, kommst immer wieder

Ruhelos und ohne Rast

Und so wie damals, unverstanden

Als alle Welt gegen dich war

Fühlst dich nochmal wie nicht vorhanden

Obwohl doch alles in dir war

 

Was machst du morgen

Was wirst du tun

Was machst du morgen

lässt du alle Zweifel in dir ruhn

Was machst du morgen….

                                              

 

Es geht nicht bloß um die Sehnsucht nach dem offenen Anfang, wenn Klaus Hoffmann vom Kindsein singt. Das Kindsein ist für ihn nicht irgendein Idealzustand. Es ist vielmehr das, was unter den Hüllen des Erwachsenseins immer noch in ihm sitzt – mit aller Verletzlichkeit und Ungewissheit, die da war, als er seinen Platz in der Welt noch nicht gefunden hatte. Es ist gar nicht so angenehm, sich daran zu erinnern, wie schutzlos und beirrbar dieses Kind war. Im Laufe eines erfolgreichen Lebens lässt sich das ja auch gut verdrängen. Klaus Hoffmann will es nicht verdrängen. Auch wenn es ihm ein bisschen peinlich ist, vom „inneren Kind“ zu reden:                                                                                       

 

„Na, das sind ja diese abgelatschten Begriffe, deswegen wollt ich am liebsten das gar nicht mehr äußern. Aber ich komm nicht drumrum zu entdecken, dass das – sehr romantisches Bild auch – also dieses Unberührte, hoffentlich unberührte, unerzogene, unverstellte Kind – in meinem Fall wahrscheinlich n bisschen dicker – sitzt da so‘n Junge rum und glotzt in die Welt. Er ist noch nicht beschädigt.“                                                      

                                                       

Dieses Kind gilt es wahrzunehmen und zu mögen. Dass man sich in fortgeschrittenem Alter eben nicht nur vorerzählt, was man alles geschafft hat, sondern auch mit dem Kind versöhnt ist, das man mal war. Und das ist gar nicht mal so einfach:                                             

                                                                                                      

„Du kommst nicht drumrum, dann zu entdecken, dass das Kind in dir manchmal ne andere Sprache spricht als der Erwachsene. Und wenn die beiden im Streit sind, dann geht‘s ganz schön zu.                                                                                                                   

Den Streit aushalten, mit sich selbst ehrlich bleiben – oder sogar immer ehrlicher werden – darauf kommt es ihm jetzt an. Für ihn ist das der Weg, um auch im Alter offen zu bleiben für neue Anfänge:                                                                                                                                                                      

„Ich hab nun eben dieses Ding gewählt zu sagen: Bei dir findest du alles, was du gebrauchen kannst. (..) Du musst nur in dich reinhorchen. Und auf der Bühne würd ich kokett sagen: Du findest eine Antwort auf eine Frage, die du gar nicht gestellt hast, ja? (..) Du kommst also an mit so nem Fragenkatalog (..): Was machst du morgen? Wo gehst du hin? Packst du jetzt wieder den Sack mit deinen Erinnerungen oder lässt du das mal sein? Gehst weiter? Folgst deinen Füßen? Ich denke, dass in dir wahrhaftig alles vorhanden ist und das wird so im Laufe des Lebens frei gesetzt oder immer mehr verdichtet und du hast Mühe, dich davon zu befreien – oder vielleicht ist das der Freiheitsweg, zu sich selbst zu kommen.“

 

 

Ich brauch kein Abendrot am Abend

Keine Talkshow, die mich hemmt

Ich bin einer, der die Straßen

Und auch die Menschen kennt

Doch zur Zeit herrscht Eisenzeit

ich seh, wie jeder sich bekriegt

ich will nur jemand, der mich liebt…

 

Denn so viele Leute zeigen Kante

Gesichter wie programmiert

Strenge, harte Kante

Es liegt wohl dran, dass keiner gern verliert.                      

 

 

„Ich brauche Liebe“ – auf diesen einfachen Nenner lässt es sich bringen, wenn man ehrlich ist mit dem Kind, das man mal war oder immer noch ist. Aber man braucht wohl auch Zeit, bis man sich selbst versteht und sich nichts mehr vormacht. Zeit, die heute oft fehlt im rasenden Lauf der Geschichte. Wenn es so viele gibt, die jetzt bloß eine Wut im Bauch haben, mag es auch daran liegen, meint Klaus Hoffmann, dass alles viel zu schnell geht:                             

 

„Wenn du versäumst, deiner Geschichte bewusst zu werden, du versäumst auch, deiner Kränkungen und deiner Verletzungen bewusst zu werden, (...) wenn du diese Schritte überwindest scheinbar zu schnell, dann rutschst du in einen andern Karton – da bin ich ganz sicher und wirst daraus eine Kraft entwickeln, die manchmal dahin führt, dass diese Kränkung zu einem Hass führt. Das muss polarisieren und dann kommt noch ne Maske in Raum, die heißt der Ausländer oder ein Fremder, dann kann ich das darauf orten und darunter liegt aber sehr viel unbewältigte Kränkung im Grunde.“                                                                                  

 

Hinschauen, wo die Traurigkeit sitzt. Aber nicht im Selbstmitleid versinken. Wie man rauskommt aus der inneren Enge, davon erzählt Klaus Hoffmann in seinen Liedern, die auch auf dem neuen Album von Glaube, Liebe und Hoffnung handeln – und dabei ist die Liebe natürlich das Größte unter diesen dreien:                                                                                                                                                

“All you need is love – Love, love, love. Liebe ist, was uns ernährt, was der Weg ist. Und das ist so.“                                                                                                                                              

 

Der Himmel lacht und zeigt so schöne Weiten

An den Mauern steht: Ich suche dich

Die Zeitungen verkünden harte Zeiten

doch in den Augen der Leute brennt noch Licht

 

Du warst die schönste Blume der Ägäis

Dein Lachen verwandelte die Nacht

Jetzt sitz ich hier und denk an dich

Die Leute sagen, es gäb dich nicht

Du hast die Liebe gebracht.

 

Weit, weit, der Himmel ist heut weit

Blumen blühen zu jeder Zeit

Weit, weit, mein Herz ist weit

Du bist da

Das Leben ist so weit

 

Der Himmel lacht und zeigt so schöne Weiten

In Manchester legen sie Blumen raus

Jeder weiß, dass es dich gibt

Jeder hat als Kind geliebt

Und Licht brennt noch in jedem Haus

 

Weit, weit, der Himmel ist heut weit

Blumen blühen zu jeder Zeit

Weit, weit, mein Herz ist weit

Du bist da

Das Leben ist so weit

 

Du warst die schönste Blume der Ägäis

Dein Ruf klang weit bis übers Land

Ob Nizza, London, ob Berlin

Du gibst dem Leben Sinn

Die Blume Hoffnung blüht in jedem Land.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Musik dieser Sendung:

  1. Was gut ist und was nicht, Klaus Hoffmann, Aquamarin
  2. Was machst du morgen, Klaus Hoffmann, Aquamarin
  3. Jemand, der mich liebt, Klaus Hoffmann, Aquamarin
  4. Weit, Weit, Klaus Hoffmann, Aquamarin