Noli me tangere

Finger, der Glasscheibe berührt

Gemeinfrei via unsplash/ Elia Pellegrini

Noli me tangere
Berühr mich (nicht)
11.04.2021 - 08:35
08.04.2021
Susanne Niemeyer
Über die Sendung:

"Am Sonntagmorgen" im Deutschlandfunk zum Nachhören und Nachlesen

 
Sendung nachhören

 

Sendung nachlesen:

 

Er ist tot. Mausetot. Auch, wenn sie es nicht wahrhaben will. Sie haben ihn in ein Grab gelegt, hierzulande sind das Höhlen. Die werden mit einem Stein verschlossen. Eher einem Fels. Daran gibt es nichts zu rütteln. Seit drei Tagen liegt er da drin, eine ganze Ewigkeit also. Als Magdalena den Friedhof betritt, ist es noch früh. Der Horizont ist schwarz, nur ein paar Vögel versuchen, die Nacht zu verscheuchen. Auf dem Gras liegt Tau. Sie kann nicht sagen, was sie hier will. Warum sie gekommen ist. Hauptsache nicht länger herumsitzen und warten. Warten, dass ein Wunder geschieht. Sein Grab liegt ganz hinten, zwischen den Olivenbäumen. Ein schöner Ort zu Lebzeiten. Dort hätte es ihm gefallen, denkt sie und spürt den Stich, weil nichts mehr so ist, wie es normal war. Sie können sich nicht mehr verabreden, Brot und Wein auspacken, reden und lachen. Das Lachen fehlt ihr am meisten.

 

Ihre Füße streifen die feuchten Gräser. Jetzt müsste sie gleich da sein. Verunsichert bleibt sie stehen. Hat sie sich verlaufen? Nein. Da ist der Olivenhain, dort ist die Höhle. Nur der Stein ist weg. Dieser Fels. Jemand hat ihn zur Seite gewälzt, als hätte ein Riese seine Hände im Spiel gehabt. Die Höhle liegt offen und schwarz vor ihr. Sie schrickt zurück und zögert, aber dann setzt sie einen Schritt ins Dunkle. Dann noch einen. Ihre Augen müssen sich erst an die Schwärze gewöhnen, doch es bleibt dabei: Sie sieht: nichts. Das Grab ist leer.

Magdalena stürzt hinaus, kopflos, wo haben sie ihn hingebracht? Tiefstehende Sonnenstrahlen blenden sie. Die Vögel halten den Atem an. Da hört sie ihren Namen. „Magdalena!“ Sie wendet sich um, eine halbe Drehung – und sieht ihn. Seine Augen leuchten, ihr Herz macht einen Sprung. Schon will sie zu ihm laufen, will ihn in die Arme schließen, doch er hält sie zurück: „Berühr mich nicht.“

 

Ich schrecke hoch. Im Zimmer ist es dunkel, meine Hand tastet nach dem Wecker. Zehn nach vier. Kein Olivenhain, sondern meine Zwei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock. Es ist Woche vier der Pandemie, ich spüre schlafwarme Haut und denke: Ich will berührt werden. Nicht immer und nicht überall, ich bin nicht der Küsschen-hier, Küsschen-da-Typ. Aber Freundinnen würde ich gern umarmen. Dem Berater bei der Bank die Hand geben. Mit Freunden die Köpfe zusammenstecken, Schulter an Schulter sitzen. Und nun träume ich ausgerechnet in der Osternacht diesen Traum, und nicht mal der hat ein Happy End. Dabei habe ich eigentlich nicht viel übrig für die
Hollywoodfilme mit ihren Geigen am Schluss, aber jetzt könnte ich ein Happy End wirklich brauchen.

 

Einmeterdreiundachtzig entfernt, am Fußende des Bettes sitzt Jesus und nickt: „Ich auch.“

 

Ostern 2020. Jetzt würde ich aufstehen. Ich würde mich anziehen, die Müdigkeit aus den Augen wischen und hinausgehen. Ich würde in das Dunkel der Kirche eintauchen und auf das Licht warten. Schulter an Schulter mit anderen würde ich die alten Worte singen: „Christ ist erstanden von der Marter alle; des soll’n wir alle froh sein. Christ will unser Trost sein.“

Aber ich bleibe liegen, denn es ist Pandemie. Das klingt unwirklich, ist aber real. Die Lage wird immer ernster. Ausgangssperren in Spanien und Österreich verbreiten Endzeitstimmung. Leute backen Brot und horten Toilettenpapier, Hefe gibt es nur noch rationiert. Draußen ist allerbestes Frühlingswetter. Trotzdem fühlt es sich an, als käme ein Sturm auf uns zu, und keiner kann sich vorstellen, wieviel Kraft er hat. Ich hoffe immer noch auf ein laues Lüftchen. Aber das ist wohl Wunschdenken. In Italien gab es gestern wieder über 600 Tote. Ich will, dass das aufhört. Morgen hoffe ich aufzuwachen. Ich habe Angst, dass das normale Leben nicht mehr zurückkommt. Bisher hieß es, man müsse zwei Wochen das öffentliche Leben lahmlegen. Jetzt sind es schon vier. Was mir fehlt: Andere Menschen zu treffen, durch den Alltag zu treiben. Mir fehlt die Sicherheit, dass die Welt schon irgendwie läuft, und mir fehlt das Gefühl, mich frei bewegen zu können, nach Schweden zu fahren oder ans Meer und keinen kümmert’s. Gründonnerstag habe auch ich Brot gebacken und Eierbutter gemacht und den Tisch schön gedeckt. Ein Erinnerungsmahl sollte es sein, das Damals und Heute verknüpft. Ich merke, wie dringend ich das Gefühl von Gemeinschaft brauche. Das Gefühl, verbunden zu sein über Zeit und Raum, auch wenn wir gerade einzeln in unseren Küchen sitzen. Die anderen in meiner Corona-WG spötteln. Dann schauen sie Germanys Next Topmodel. Ich fühle mich allein. Wie soll das Leben eigentlich weitergehen? Karfreitag und Ostern finden auf Youtube statt. Es berührt mich nicht. Alles ist zweidimensional. Kein Geruch, kein Geschmack, kein Gesang. Nichts wird greifbar. Ich bemitleide mich selbst, dass Ostern das ersehnte Happy End nicht liefert. Alles läuft falsch. Oder?

 

Das allererste Osterfest begann mit einem Abstandsgebot: „Noli me tangere“. Berühr mich nicht. In seltener Einigkeit berichten alle vier Evangelien davon, dass Frauen als erste das leere Grab entdeckten. Jesus war nicht nur tot – jetzt war er auch noch weg. Der Evangelist Johannes erzählt das Geschehen aus Sicht von Maria von Magdala. Manche nennen sie Sünderin, andere halten sie für die engste Vertraute Jesu. Apostelin der Apostel nennt sie die frühe Kirche. Als Maria das offene Grab findet, läuft sie los, um die anderen zu holen. Die Männer. Petrus, der immer eifrige Musterschüler ist dabei und einer, der Lieblingsjünger genannt wird. Sie inspizieren das Grab und finden Leichen- und Schweißtücher ordentlich zusammengefaltet. Weil sonst nichts zu sehen ist, gehen sie wieder. Unerklärlich die Sache. Von einer etwaigen Auferstehung wussten sie noch nichts.

 

Maria bleibt. Sie steht vor dem Grab und weint. Kann sein, dass sie es nicht wahrhaben will. Dass sie nicht einfach zur Tagesordnung übergehen will – das Leben geht doch weiter, kann man nichts machen. Tränen bringen ihn auch nicht zurück. Oder doch?

Jedenfalls passiert etwas. Sie schaut noch einmal ins Grab, als wäre es möglich, etwas übersehen zu haben. Diesmal sieht sie: zwei Engel. Es entspinnt sich ein kurzes Gespräch, aber das macht sie auch nicht schlauer. Also wendet sie sich um, weg vom Grab, weg vom Vergangenen und sieht einen Mann. Sie ist verwirrt, auf diesem Friedhof scheint viel Betrieb zu sein, ist es ein Gärtner? Aber als der Mann ihren Namen ruft, erkennt sie ihn.

Auf vielen Gemälden ist zu sehen, wie Maria Jesus zu Füßen fällt, wie sie die Hände nach ihm ausstreckt, ihn umarmen und festhalten will. Der Text erzählt nichts davon. Da sagt Jesus einfach: „Noli me tangere. Berühr mich nicht.“ Dieser Satz hat Karriere gemacht. Die Sinnesfeindlichkeit der traditionellen Kirche klingt mit. Eine Strenge in der Stimme, die Maria samt allen nachfolgenden Frauen fortstößt. Klammert nicht. Bleibt weg mit eurer Gefühligkeit. Jesus hat einen Auftrag auszuführen, und der heißt Auferstehung.

Merkwürdig. Andere Texte scheinen überhaupt kein Problem mit Berührungen zu haben. War es nicht gerade noch Maria, die Jesus mit diesem sündhaft teuren Öl salbte, der Raum so aufgeladen von Erotik, dass die anderen Männer unwillig wurden? Und was ist mit Thomas, der selbstverständlich den leibhaftig Auferstandenen berühren darf?

Wer nicht glauben kann, muss fühlen. Berührung ist kein Tabu.

Die Männer am Grab wollen verstehen. Aber sie begreifen nichts. Sie analysieren, doch Gefühle scheinen sie sich vom Leib zu halten. Sie lassen sich nicht berühren und erleben nichts. Maria dagegen bleibt nicht unbeteiligt. Sie lässt Schmerz und Trauer zu. Sie ist stark genug, um schwach zu sein. Sie erlebt Verwandlung.

 

„Berühr mich nicht?“ Die ältere, griechische Version des Satzes legt eine andere Übersetzung nah: „Halt mich nicht fest.“ Damit verliert die Geschichte ihre Einseitigkeit und wird zu einer Beziehungsgeschichte. Aus dem Satz klingt eine beidseitige Bitte, ein beidseitiger Schmerz, eine beidseitige Aufgabe: Abschied und Verwandlung. Vertrauen statt Kontrolle. Aufbruch statt Angst. Beide müssen loslassen. Nichts bleibt, wie es war. Es beginnt etwas Neues. Das wird anders sein. Wir wissen nicht, wie. Aber wir sind nicht unbeteiligt daran.

Namentlich taucht Maria im Neuen Testament nicht mehr auf. In späteren Texten dafür umso häufiger. Sie tröstet, ermutigt, diskutiert. Sie wird zur Apostelin, indem sie das tut, was Jesus ihr aufgetragen hat: Weitersagen, was sie erlebt hat. Das „Evangelium der Maria“, eine apokryphe Schrift aus dem 2. Jahrhundert, erzählt: „Da stand Maria auf, umarmte sie alle und sagte zu ihren Geschwistern: Weint nicht und seid nicht traurig und zweifelt nicht, denn seine Gnade wird mit euch allen sein und wird euch beschützen. Lasst uns vielmehr seine Größe preisen, denn er hat uns bereitet und zu Menschen gemacht. Als Maria dies gesagt hatte, wendete sie ihre Herzen zum Guten, und sie fingen an, über die Worte des Erlösers zu diskutieren.“ (1) 

 

Ostern 2021. Wir sind immer noch in der Pandemie. Der Schrecken hat sich in Routine verwandelt. Masken hängen am Haken, Worte wie „Inzidenz“ und „Vakzin“ kommen stolperfrei über die Lippen. Die täglichen Zahlen des RKI rauschen an manchen Tagen vorüber und Brot kaufen die meisten auch wieder beim Bäcker. Seit einem Jahr warten wir auf Auferstehung.

Jesus sitzt immer noch am Fußende meines Bettes, aufmerksam den Mindestabstand einhaltend. Ein Akt der Nächstenliebe sei das, sagt er, der Solidarität. Damit kenne er sich aus.

Wann wir endlich wieder zur Normalität zurückkehren können, frage ich ihn. Am liebsten würde ich ihn festnageln: „Sag, wann das vorbei ist. Sag, wann alles wieder gut ist!“

„Wieso zurückkehren?“, fragt er. „Leben geht nur vorwärts. Außerdem wüsste ich ein paar Dinge, zu denen willst du gar nicht zurück. Du hast dich an den streifenfreien Himmel gewöhnt und an dein freizeitstressreduziertes Leben, dass Spazierengehen ein neuer Trend ist und dass auf einmal Berufe systemrelevant sind, die du als Kind schon bewundert hast. Dass introvertierte Menschen jetzt einen Daseinsbewältigungsvorsprung haben. All das gefällt dir doch.“

Er hat natürlich Recht, wenngleich ich das nie laut sagen würde. Weil das alles nicht existenziell ist und weil diese Pandemie dann vielleicht nie mehr aufhört.

„Die Frage ist nicht, wie wir zurückkommen“, fährt er fort, „sondern, wo wir hinwollen.“

Ostern ist kein Schlusspunkt, sondern ein Anfang. Wir sind unterwegs.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Musik dieser Sendung:
 

  1. Sarah Kaiser, Christ ist erstanden, CD-Titel: Geistesgegenwart
  2. Elena Guidi, Noli me tangere, CD-Titel: Contemplatio
  3. Lana Del Rey, Hope is a dangerous thing for a woman like me to have, CD-Titel: Norman Fucking Rockwell!
  4. Il Tempo Gigante (Rolf Hansen), Watch it watch, CD-Titel: Watch it watch

 

Literaturangaben:
 

  1. Codex Berolinensis Gnosticus (BG), S.9,12-24.

 

08.04.2021
Susanne Niemeyer