Du bist so schön! Aber ich…

Spiegel, Blumen und Makeup-Pinsel

Gemeinfrei via pixabay.com (stocksnap)

Du bist so schön! Aber ich…
Wie ungerecht Spiegel sind
10.03.2019 08:35
14.02.2019
Autorin des Textes: Mechthild Werner
Über die Sendung:

Wer ist die Schönste im ganzen Land? „Nein, du bekommst heute kein Foto“. Schönheitswettbewerbe sind ungerecht. Umso mehr, seit Schneewittchen Heidi heißt und die Spiegelbilder der Photoshop-Models sekündlich durch die Netzwerke ploppen. Mädchen erliegen mit neun Jahren der Modemagersucht und junge Männer ziehen langsam nach. Schönheit hat, schon seit altbiblischer Zeit, ihre hässlichen Seiten. König David gehörte zu den beneideten Reichen und Schönen. Die umwerfende Judith bringt Holofernes um und die strahlende Rahel wird von ihrer Schwester Lea eifersüchtig beäugt. Nein, bei Gott, Menschen sind nicht gleich. Der „Lookismus“ diskriminiert die Hässlichen. Dabei kommt es ja auf anderes an. Oder nicht? Über die Schönheit von außen, von innen und vor Gott.

 
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Da steht sie. Wie Gott sie schuf. Ganz Ebenbild. Ganz Ebenholz. Schwarze Haare, lackrote Lippen. Ein Schneewittchen. Wunderschön. Die Kamera fährt in eisblaue Augen, ewig lange Wimpern. Nur kurz zucken sie. Die Musik verebbt. Stille. Ein Gesicht. Sekundenlang. Im Fernsehen eine Ewigkeit. Dann der Satz: „Ich habe heute kein Foto für Dich, Sarah“.

Wer unterwegs ist im Privatfernsehen, auf Instagram oder Youtube, dem kommt dieser Satz bekannt vor: „Kein Foto für Dich“. Die Stimme, schrill und markant, eine Marke wie Sie selbst. Ihre Sendung Germanys Next Topmodel läuft in der 14. Staffel. Heidi Klum blond, barbiedünn, Werbeikone. Sie spricht heilig, kürt die Schönste im Land.

Darum stöckeln junge Frauen gegeneinander an. Spieglein, Spieglein an der Wand, das Kameraauge hält immer drauf. Beim Stylen, Umstylen, Kreischen, Weinen und Zicken. Alles wohl inszeniert bei Heidis „Mädels“. Wer das beste Foto-Shooting hatte, kommt weiter. Oder aber „Kein Foto“ für Sarah, Caroline, Julia, Marlene, wen immer es treffen mag. Aus der Traum, selbst für Schneewittchen. Aber tausende träumen weiter..


Trotz aller Kritik am Frauenbild, allem Wissen über Magerwahn, ungesunde Maße und gephotoshopte Bilder: Schönheiten bleiben wohl Ikonen, Heilige. Vorbilder. Zumal in einer Bilderwelt. Das Internet ist ein Dauerlaufsteg. „Ich werd mal Influencer“, sagen schon Grundschülerinnen.

Gemeint sind Menschen, oft noch Kinder, die sich schön machen oder schön zeigen – ihre Klamotten, ihr Makeup. Sie werben damit unterschwellig, verdienen viel Geld als Influencer, als „Beeinflusser“ aller Möchtegern-Schönen-und-Reichen.

Wie Catriona. Derzeit die Schönste der Welt, ja des Universums. Warum sie? Misswahlmänner haben sie dazu gemacht, gutes Marketing und die göttliche Fügung, dass sie genau in die Beauty-Schublade passt. Eine Miss mit schüchternem Kinderlächeln, wenn sie nicht gerade gekonnt in die Kamera schmollt – Miss Universe.

Warum nicht, sie ist ein Bild von einem Mädchen. Aber – schöner als alle anderen? „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Und siehe, es war sehr gut.“ So verheißt ein Blick in die ersten Bibelseiten. „Ich danke, dass ich wunderbar gemacht bin“, staunt ein Psalmbeter. Doch wer schwärmt schon beim Blick in den Spiegel: „Sehr gut, wunderbar, göttlich“? Wenn selbst Schneewittchen hören muss: „Kein Foto für Dich“.

 

Ja, bei Gott, ungerecht! Ein Blick in den Spiegel, um zu wissen, Schönheit ist ungerecht verteilt. Auch wenn der Schöpfer alle nach seinem Bilde schuf, gleich schuf er uns wohl nicht. Von Anbeginn wirken einige anziehender als andere.

Wie Sarah. Auch ein Schneewittchen. Dunkle Haare, schlanke Gestalt. Abrams Frau. So attraktiv, dass er sie im fremden Land bittet: „Wenn dich die Ägypter sehen, werden sie sagen: Das ist seine Frau, und werden mich umbringen… Sage doch, du seist meine Schwester.“ (1 Mose 12,11) Der Plan geht nicht ganz auf, der Pharao nimmt sich, was ihm gefällt. Gott straft ihn dafür, Abram bekommt seine Frau zurück, doch Sarah? Sie ist ein Opfer ihrer Anmut.

Schönheit hat einen Preis. Und zugleich ging es immer schon um den ersten – im Beautywettbewerb. Wie beschrieben bei den Töchtern Labans. „Leas Augen waren sanft, Rahel aber war schön von Gestalt und von Angesicht.“ (1 Mose 29,16.17) Die Ältere schaut sanft, doch die Jüngere zieht feurige Männerblicke auf sich und wird dafür eifersüchtig beäugt. Schönsein ist ungerecht.

 

Doch was ist eigentlich schön? Ethnologie, Biologie, Hirnforschung machen‘s kurz. Schönheit soll letztlich nur eins bewirken: Fortpflanzung. Weib lockt Mann. Ein gebärfreudiges Becken, das rechte Taille-Hüfte-Büste-Verhältnis – 90-60-90. Dazu der „Goldene Schnitt“ – der ideale Abstand zwischen beiden Augen und Augen-Mund. Sprich, Symmetrie gleich schön. Wobei das gewisse Etwas, die markante Nase oder Narbe, ein Gesicht noch anziehender macht.

All das lenkt unbewusst den Blick. Und kann ihn trüben. Wie Holofernes erleben muss.

„Judit salbte sich ihr Angesicht, flocht ihr Haar, ihre Schönheit fing sein Herz – aber sie schlug ihm den Kopf ab.“ (Jud 16,7-9) Schönheit kann blind machen, gar kopflos.

Darum warnt die Bibel an vielen Stellen die Männer: „Lass dich nach ihrer Schönheit nicht gelüsten in deinem Herzen und nicht fangen durch ihre Augenlider.“ (Sprüche 6,25)

Was genau verfängt, wechselt durch die Zeiten. Rubens Schönheiten, selbst Marilyn Monroe mit Kleidergröße 40, gälten in unseren Größe-Null-Zeiten bereits als Kurvenstars, „Curvy Models“. Nur wenige erobern gerade die Laufstege und Leinwände. Kurvige, dickere, ja ungestylte Frauen. Die Hochglanzwelt will normaler scheinen, auch angestoßen durch Me-too-Debatten. Hollywoodbeauties zeigen ihre Beine mit Cellulitedellen, Gesichter ohne Make-up, nude-Look, oft doch erstaunlich geglättet.

 

Immerhin ein kleiner Aufstand gegen Perfektionswahn und das sogenannte „Bodyshaming“.
Der Dokufilm „Embrace“ von Taryn Brumfitt machte es zum Thema. Mädchen, die mit acht schon Diät halten, magersüchtige Achtzigjährige, Mütter, die ihren Babybauch richtig hassen. Brumfitts Antwort heißt wie der Titel: Embrace. Umarme dich, sieh dich im Spiegel an, liebe dich, wie du bist – ein Bild von einer Frau. „Und siehe, es war sehr gut.“

So hübsch das klingt, so schwer ist es, sich auch so zu fühlen. Obwohl sich frau schön machen oder gar operieren lassen kann, es genügt oft nicht. Glatte Haut streicht nicht die Seele glatt. Es sei denn, jemand sieht mich an. Mit liebendem Blick. „Du bist schön, wunderschön, meine Freundin, kein Makel ist an Dir. Du hast mir das Herz genommen mit einem einzigen Blick.“ (Hoheslied 4,7.9) So besingt im Hohelied ein Mann seine Liebste. Und er wird selbst besungen „mein Freund, du bist schön und lieblich.“ (Hoheslied 1,16). Die Liebe macht schön.

 

Klar, auch Männer – endlich rede ich auch von ihnen – können schön sein. Selbstverständlich. König Saul, wird berichtet „war ein junger schöner Mann, niemand unter den Israeliten war so schön wie er“. (1 Samuel 9,2) Auch David gilt als „schön gestaltet“, vom Scheitel bis zur Sohle. (2 Samuel 14,25). Ein Foto also für Saul und David. Echte Mannsbilder, zudem Könige, mächtige Männer.

Macht allein wirkt ja schon anziehend. Selbst Männer erliegen inzwischen dem Modediktat, liegen unterm Skalpell und tauschen insgeheim Zutaten ihrer Fit-Smoothies. Doch – kein Geheimnis – der mächtigste Mann der Welt – muss nicht mal die Haare schön haben und hat doch ein Model an der Hand. Vielleicht macht ihn die Liebe schön, das wäre wünschenswert. Oft reicht dem Mann aber ein dicker Batzen Geld und Macht, um dünne Schöne um sich zu haben.

Ja, Männer und Frauen sind gleich. Eigentlich. Die Menschenrechte sind jüngst 70 Jahre alt geworden. Sie gelten, aber noch nicht in allen Bereichen. Die Evangelische Kirche in Deutschland öffnet derzeit unter der Kampagne #freiundgleich die Augen für alle, die ungleich behandelt werden. Wie aber sieht es aus mit schön – hässlich? Werden Hässliche nicht täglich diskriminiert? Sogar Schöne im Wettstreit mit noch Schöneren? „Ich habe kein Foto für dich“. Ungerecht.

 

Tatsächlich gibt es den Vorwurf und das Wort „Lookismus“, vom englischen look, sehen. In Teilen von Australien und in Washington wird Lookismus gesetzlich verfolgt. Einige Firmen setzen – auch hierzulande – auf Bewerbungsbögen ohne Fotos, um nicht auf den ersten Blick beeinflusst zu werden. Zugleich aber verdienen gutaussehende Menschen weiterhin mehr, ihnen wird mehr zugetraut und – zugelächelt sowieso.

Oder sie werden eifersüchtig beäugt. Oder gar zum Opfer. Womit wir wieder bei Lea, Rahel und Sarah wären. Bei Schneewittchen und dem Spiegelblick. Solange ich mich spiegele, mich ständig vergleiche mit anderen, wird’s unschön und schwer. Es braucht eine oder einen, der sagt: „Siehe, es ist sehr gut“, du Bild von einem Menschen.

 

Da steht sie. Wie Gott sie schuf. Ganz Ebenbild. Ganz klein, 1,58 m und nur 27 Kilo leicht. Die Haut faltig, ein Auge blind. Lizzy Velasquez, Amerikanerin. „Die hässlichste Frau der Welt“. Ein Titel, ein Foto für Lizzy – nein, sie hat sich nicht darum gerissen. Von Geburt an ist sie gezeichnet von einer seltenen Krankheit, die Haut altert schnell, sie nimmt nicht zu.

Lizzy überlebt ihre Kindertage nur, weil ihre Eltern – gegen alle Prognosen der Ärzte – an sie glauben und sie lieben. „Für meine Eltern war ich völlig normal“, sagt sie. Doch auf der Highschool sieht sie es, auf Youtube. Acht Sekunden lang ihr Foto. Der Titel: „Die hässlichste Frau der Welt“. Das Video hatte 4 Millionen Klicks. Darunter tausende Kommentare wie „ein Monster“, oder: „bitte erschieß dich“. Sie weint tagelang, verkriecht sich, verzweifelt – fast.

„Heute glaube ich“, sagt sie, „Gott hat mich so gemacht, zu einem von drei Menschen mit dieser Krankheit, er hat mir auch dreimal so viel Kraft gegeben. Und – schöne Haare“, sagt Lizzy und blinzelt. Ihr Auge strahlt, von innen. Lizzy Velasquez. Motivationstrainerin. Sie macht anderen Mut, schreibt Bücher. Eine Frau, die sich nicht erst schön machen muss, sie fühlt sich wunderbar gemacht. Krank und doch heil. Wunderschön.

 

Zuletzt Greta. 16 Jahre, Zöpfe. Greta Thunberg aus Schweden. Ihr Foto läuft um die Welt. Der Look, nun ja. Mütze auf dem Kopf. Die Augen leicht schräg, rückt sie geraden Blicks die Welt zurecht. Fotos, nein, wollte sie nie. Auch nicht reden, nicht einmal essen konnte sie früher unter den Augen aller. Aspergersyndrom, eine Art Autismus mit besonderer Begabung. Auch ihre Eltern unterstützen sie stets. Selbst als Greta anfängt, ihnen ständig das Licht auszumachen, Strom zu sparen, sie nicht mehr fliegen dürfen.

Sie liest alles zum Klimawandel, kann nicht verdrängen, dass ihre Zukunft verzockt wird.
Die Eltern ziehen mit, nehmen sie ernst, Greta geht es besser und besser. Sie isst, redet, lacht und schwänzt eines Freitags im August 2018 die Schule. „Fridays for Future“. Zunächst steht sie fast alleine da, sechs Monate später sind tausende dabei in aller Welt, wie jüngst in Hamburg. Auf Klimakonferenzen redet die Kleine den Großen ins Gewissen.

„Wir schwänzen ein paar Tage, ihr habt jahrzehntelang geschwänzt, macht eure Hausaufgaben!“ Mancher nennt sie weiter krank, oder ihre Eltern. Greta ist auch verrückt, vor Sorge. Und eben darum heilfroh geworden, in dem, was sie tut. Gerecht soll man ihr werden, fordert sie, ihr und allen Kindern, die in Zukunft geboren werden sollen.

Einfach spricht sie und klar, sie lässt sich nicht abbringen, sucht Antwort. „Die Weisheit hab ich gesucht von Jugend an“ heißt es in der Bibel „und ihre Schönheit lieb gewonnen.“ (Weisheit 8,2) Ein Foto für Greta. Sie ist schön. Eine ganz besondere Miss Universe.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

14.02.2019
Autorin des Textes: Mechthild Werner