70 Jahre Staat Israel

Ein Datum im christlichen Kalender
Regenbogenfahne mit Schriftzug "Frieden"

Bild: R.Stuhlmann

Über die Sendung:

70 Jahre Staat Israel – ein Datum im christlichen Kalender? Ein Grund zum Feiern – in doppelter Solidarität. Das findet Pfr. Rainer Stuhlmann in seinem Beitrag im Deutschlandfunk

"Am Sonntagmorgen" um 08.35 Uhr im Deutschlandfunk

 
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In diesem Jahr wird der Staat Israel Siebzig. Ist das ein Datum auch im christlichen Kalender? Für mich ist das vor allem ein Datum im Kalender der Menschenrechte. Denn die Staatsgründung Israels ist ein bedeutsamer Schritt auf dem Weg zum Schutz der Menschenrechte. Was kein anderer Staat geschafft hat, das leistet der Staat Israel: jüdische Menschen umfassend und bedingungslos zu schützen.

 

Israel ist der einzige Staat dieser Erde, der von allem Anfang an als Zuflucht für Menschen aus aller Welt errichtet wurde, die verfolgt wurden, nur weil sie jüdisch sind. Auch für Juden aus arabischen und muslimischen Staaten. Er ist der einzige Staat dieser Erde, in der die Mehrheit jüdisch ist und sie deshalb auch ungehindert jüdisch leben kann.

 

Israel ist aber auch der einzige Staat, dessen Existenzrecht von Anfang an bestritten wurde – nicht nur von allen seinen Nachbarn. Und er ist der einzige Staat, dessen Gründung mit einer Kriegserklärung all seiner Nachbarstaaten beantwortet wurde. Bis heute sprechen ihm viele arabische und islamische Staaten sein Existenzrecht ab. Und bis heute wird dieser Staat von allen Seiten bedroht.

 

Das alles ist zum siebzigsten Geburtstag erwähnenswert, auch für nicht-jüdische Zeitgenossen. Ich sehe „die Errichtung des Staates Israel als Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk“. So hat 1980 die evangelische Synode im Rheinland formuliert.

 

Und wenn ich in der Errichtung des Staates Israel ein Zeichen der Treue Gottes sehe, dann bleibt Israel doch ein säkularer Staat wie jeder andere. Ich verleihe ihm keinen göttlichen Glanz. Die Treue Gottes zu seinem Volk, sie bezieht sich auf eine von vielen Funktionen dieses Staates, nämlich seine Schutzfunktion. Kein Land dieser Erde wollte die aufnehmen, die verfolgt wurden, nur weil sie jüdisch waren. Dass das Judentum aller Anfeindung und Verfolgung zum Trotz sich behauptet, dazu hat nicht nur – aber auch – die Errichtung des Staates Israel beigetragen. Das ist ein Grund zur Dankbarkeit und nach siebzig Jahren auch ein Grund zum Feiern.

 

 

Siebzig Jahre Staat Israel – das ist ein Datum auch im christlichen Kalender. Denn das Judentum ist unlöslich mit der Entstehung und Geschichte des Christentums verbunden. Und das in doppelter Hinsicht.

 

Zum einen waren vor allem christliche Theologie und Kirche verantwortlich für die Verfolgung der Juden. Darum ist dieses Datum ein Tag der Scham für Christen. Und zugleich ein Tag der Besinnung und der entschlossenen Umkehr zur unverbrüchlichen Solidarität mit dem Judentum. Und, schon wieder und immer noch aktuell: ein Tag der Verpflichtung, jede Form des Antisemitismus zu bekämpfen.

 

Und dann auch ein Tag der Mitfreude. Ohne dieses Volk und seine Traditionen gäbe es uns Christen nicht. Ohne die jüdische Bibel tappten wir im Dunkeln. Ohne Juden können wir nicht Christen sein. Juden in Deutschland, in unserer Nachbarschaft, sind so wichtig wie Juden im Staat Israel für christliche Theologie und Kirche. Und darum ist der siebzigste Geburtstag des Staates Israel ein wichtiges Datum auch im christlichen Kalender.

 

 

Was für Juden ein Grund zum Feiern ist, das ist für andere ein Grund zur Trauer. Den einen hat die Staatsgründung Schutz, Sicherheit, Gerechtigkeit und Freiheit gebracht, den anderen Vertreibung, Zerstörung, Zwang und Unrecht.

 

Die von den Vereinten Nationen beschlossene Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat hat zu einem grausamen Krieg geführt, in dem es auf allen Seiten Opfer gegeben hat. Am Ende des Krieges hatten die Juden ihren Staat, der weit größer war, als es der Teilungsplan vorsah. Und die Palästinenser nichts. Das, was von Palästina übrig blieb, beanspruchten Jordanien und Ägypten. Das nennen die Palästinenser mit Recht „Katastrophe“, arabisch: „Nakba“. Bis heute haben sie nicht den ihnen versprochenen Staat. Dafür ist nicht nur Israel verantwortlich – und nicht nur die Palästinenser selbst.

 

In diesen siebzig Jahren hat es mindestens acht Kriege und zwei blutige Aufstände gegeben. Immer war Israel trotz schmerzlicher Verluste militärisch siegreich und die Palästinenser die Verlierer. Seit mehr als fünfzig Jahren leben sie unter einer Menschen verachtenden Besatzung, konfrontieren Israel aber auch mit Menschen verachtendem Terror. Dreißig Jahre dauerte es, bis Israel auch nur als Gesprächspartner gewürdigt und als Verhandlungspartner anerkannt wurde. Trotz zahlreicher Friedensinitiativen steht die Anerkennung eines palästinensischen Staates immer noch aus – auch durch die deutsche Regierung. Das Fehlen demokratischer Strukturen auf palästinensischer Seite ist auch ein bleibendes Hindernis auf dem Weg zu diesem Ziel.

 

Die militärische Überlegenheit hat Israel dazu verführt, rücksichtslos seine Interessen gegenüber Palästina durchzusetzen. Mit einer aggressiven Siedlungspolitik werden Fakten geschaffen, die die Spielräume Palästinas immer mehr einengen. Und die Welt schaut dem Unrecht tatenlos zu.

 

 

Die Staatsgründung Israels ist auch ein Datum im christlichen Märtyrerkalender. Selbstmordattentäter gehören nicht dazu. Ich denke z.B. an die Jungen in dem palästinensisch-christlichen Dorf Eilaboun, die 1948 von der israelischen Armee willkürlich ausgewählt und erschossen wurden. Es war eine Vergeltungsaktion für die Tötung jüdischer Soldaten. Die Bewohner des christlichen Dorfes wurden dafür fälschlicherweise verantwortlich gemacht. Als der Irrtum aufgeklärt war, durften die Bewohner zurück nach Eilaboun. Die Jungen waren unschuldige Opfer. Für die morgenländisch-orthodoxen Christen sind sie Märtyrer, auch wenn das für evangelische Ohren fremd klingt.

 

Ich denke auch an die Ruinenfelder von Iqrit und Bir‘am in Galiläa. Nur die Kirchen sind dort stehen geblieben. Die Bewohner dieser beiden christlichen Dörfer wurden – noch Jahre nach der Staatsgründung – vertrieben. Nur als Leichen dürfen sie und ihre Nachfahren zurückkehren, um auf dem Friedhof am Rande der Ruinen ihrer Häuser begraben zu werden. Zwei von über vierhundert palästinensischen Dörfern, die im Zuge der Staatswerdung Israels zerstört worden sind. Die palästinensischen Christen leben seit bald zweitausend Jahren im Land. Einige Gemeinden werden bereits im Neuen Testament erwähnt. Christen wie wir, Glieder am Leibe Christi, in dem, wenn eines leidet, alle leiden.

 

Dass es die christliche Kirche auch in Israel und Palästina allen Widrigkeiten zum Trotz noch gibt, ist für mich auch „ein Zeichen der Treue Gottes“. Ein Zeichen der Treue Gottes zu seiner Kirche in der arabischen Welt. Mich treibt dieses Zeichen zum Gebet für Gerechtigkeit und zu entsprechendem Tun. Die Staatsgründung Israels vor siebzig Jahren nötigt auch zu diesem Gedenken. Die Vertreibung der palästinensischen Christen und die Zerstörung ihrer Dörfer stehen repräsentativ für die aller Palästinenser, auch für die muslimischen und die säkularen. Die Katastrophe, die Nakba, hat alle getroffen. Sie ist die Kehrseite der Staatswerdung Israels.

 

Als Datum im christlichen Kalender ist die Staatsgründung Israels also ambivalent. Juden und Palästinenser deuten sie völlig unterschiedlich. Beide Perspektiven nehme ich als Gast im Lande wahr und halte sie in ihrer Unterschiedlichkeit aus. Das führt zu einer Haltung der „Doppelten Solidarität“, die um eine differenzierte und ausgewogene Sichtweise bemüht ist. Auch, wenn die Extremisten beider Seiten gern jegliche Solidarität allein für sich beanspruchen.

 

 

In Israel feiern die Juden die Staatsgründung Israels mit einem eindrucksvollen Ritual. Der Tag vor dem Unabhängigkeitstag ist ein Volkstrauertag, an dem der gefallenen Soldaten und der jüdischen Opfer von Terror und Gewalt gedacht wird. Die blau-weißen Fahnen mit dem Davidstern hängen überall auf Halbmast. Das macht unübersehbar: die Staatswerdung Israels und der fortdauernde Schutz ist auch für Jüdinnen und Juden mit Leiden, Schmerz und Trauer verbunden.

 

Am Ende des Trauertages versammeln sich Jüdinnen und Juden an den Gedenksteinen, die Nationalfahne wird von Halb- auf Vollmast gezogen und augenblicklich wandelt sich die Stimmung von Trauer in Jubel. Sie feiern ihre Unabhängigkeit, ihr Leben in Freiheit und Sicherheit, das ihnen der Staat Israel garantiert. Ich habe dieses eindrucksvolle Ritual oft miterlebt. Ich kann den Umschwung von Trauer zum Jubel mit meinen jüdischen Freundinnen und Freunden mitvollziehen und mich mit ihnen von Herzen mitfreuen.

 

Und doch kann ich das nur in der Verbundenheit mit meinen palästinensischen Freundinnen und Freunden. Deren Fahne bleibt auf Halbmast hängen. Ihre Freude über den versprochenen Staat steht noch aus. Die Menschrechte der jüdischen Bevölkerung im Land erhielten Schutz, die anderer warten noch darauf: auf Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Freiheit. Und dabei wissen alle: Es gibt keine Sicherheit für Israel ohne Freiheit für die Palästinenser. Und keine Freiheit der Palästinenser ohne Sicherheit für Israel.

 

 

 

Jedem Unrecht zum Trotz können Juden und Palästinenser auch gemeinsam der Staatsgründung Israels gedenken. Seit einigen Jahren geschieht auch das in Israel. Bei solchen gemeinsamen Gedenkfeiern muten Juden und Palästinenser einander die Geschichten ihrer gegenteiligen Erfahrungen zu. Sie halten aus, dass die gleichen Ereignisse für die einen Grund zum Jubel und für die anderen Grund zur Trauer sind. So wandeln sie einen einseitigen Heldengedenktag, der auf alte Feindschaften fixiert, zu einem gemeinsamen jüdisch-palästinensischen Volkstrauertag, der Frieden und Versöhnung fördert.

 

Wenn Juden und Palästinenser einander ihre Geschichten erzählen, dann machen sie die Erfahrung, dass solches Erzählen und Zuhören einander die Herzen öffnet. Palästinenser öffnen ihre Herzen für die jüdischen Leidensgeschichten bis zur Shoa, ihrer Katastrophe, die zur Errichtung des Staates Israel beigetragen haben. Und Juden öffnen ihre Herzen für die palästinensischen Leidensgeschichten in der Nakba, ihrer Katastrophe, zu denen Juden beigetragen haben.

 

Ein solches gemeinsames Gedenken der Ereignisse vor siebzig Jahren schwimmt gegen den Strom. Von Israels Regierung und dem rechten Flügel der Knesset genauso bekämpft wie von der Palästinensischen Autonomie-Behörde. Es ist ein angemessenes Gedenken, das Schritte auf dem Weg zum Frieden verspricht.

 

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Musik dieser Sendung:

  1. El amor contigo, Jasmin Levy, Sentiq
  2. Hallelujah, Jasmin Levy, Sentiq
  3. Ah ya Asmar, Amal Murkus, Na’na’ ya Na’na’
  4. A’taa’na el-Nasrawiyyat, Amal Murkus, Na’na’ ya Na’na’
  5. La Hija de Juan Simon, Jasmin Levy, Sentiq
  6. Skaba, Amal Murkus, Na’na’ ya Na’na’

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